True lies!

Für wie selbstsüchtig man den Menschen auch halten mag, es gibt nachweislich einige Grundlagen seines Wesens, die dazu führen, dass er sich für das Schicksal anderer interessiert, deren Glück ihm notwendig erscheint, obwohl er nichts davon hat außer dem Vergnügen, es zu sehen.

(Adam Smith)

Coverbild "Freakonomics"

Es war einmal in Amerika

… ein Mann namens Paul Feldman. Er beschloss, seinen Beruf an den Nagel zu hängen und stattdessen Bagels zu verkaufen. Jeden Morgen belieferte er Firmen mit frischen Bagels und Streichkäse. Er stellte sie im Pausenraum ab mit einem Korb für das Geld, das die Angestellten für den Verzehr eines Bagels – 1 Dollar – hineintun sollten. Seine morgendliche Runde umfasste 140 verschiedene Firmen, so dass ihm nicht die Zeit blieb, die Einnahmen persönlich entgegenzunehmen. Die Zahlungsmoral war überraschend hoch. Im Schnitt verzeichnete Feldman eine Quote von 90 Prozent. Natürlich gab es auch Bagel-Diebstahl und in manchen Firmen war die Zahlungsmoral besser als in anderen.

Wahrheit gewordene Lügen

Feldman führte Buch – zwanzig Jahre Erfahrung im Bagel-Verkauf dienen als aussagefähiges Material im Hinblick auf die Verbindung zwischen Moral und Ökonomie. Moralische Grundsätze sind die Wunschvorstellungen von einer Welt, wie sie sein sollte. Ökonomische Fakten legen dar, wie sie wirklich ist. Dass der Graben zwischen Moral und Ökonomie kleiner ist, als man gemeinhin annimmt, liegt unter anderem auch daran, dass wir im Zuge der Medienberichte und der Meinungsmache von “Experten” sowie den daraus gezogenen “allgemeinen Wahrheiten” etwas anderes glauben.

Eine “Wahrheit” wird im Besonderen penetriert, wenn die dahinter stehenden Menschen einen bestimmten Zweck verfolgen.  Statistiken werden kausale Zusammenhänge mit anderen Statistiken angehängt, die bei näherer Betrachtung wenig bis keine ursächliche Verbindung aufweisen. Das Buch “Freakonomics” von Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner befasst sich darum mit den Statistiken hinter den Statistiken und stellt Zusammenhänge her, die auf den ersten Blick absurd erscheinen.

Feldmans Bagel-Geschäft dient als Beispiel dafür, dass das Prinzip von “Treu-und-Glauben” besser funktioniert, als die meisten Ökonomen proklamieren. Es leugnet nicht, dass ein gewisser Teil der Menschen unehrlich handelt, es zeigt aber auf der anderen Seite, dass der überwiegende Teil ohne Betrug auskommt.

Historische Wahrheit

Dass kriminelle Handlungen für denjenigen der sie verursacht, Stress bedeuten und moralische Ächtung im Falle des Erwischtwerdens, mögen zynische Menschen als kaum relevantes Argument dafür anführen, dass Kriminalität dennoch verübt wird. Umgeben von einer medialen Wahrheit und dem Penetrieren von Aufsehen erregenden gesetzwidrigen und vor allem ethisch verwerflicher Handlungen bekommt man jedoch das Gefühl, man lebte in einer Welt, in der die Kriminalität noch nie so hoch war wie jetzt. Dass das nicht stimmt, beweisen wiederum Statistiken. Selbst wenn man diese Zahlen mit Skepsis betrachtet, so kann man zumindest davon ausgehen, dass die Umstände, wie sie beispielsweise im Mittelalter in Europa herrschten, mit denen von heute nicht zu vergleichen sind.

Immer dann, wenn wir meinen – meistens aus einer starken Emotion heraus – es kann nicht schlimmer werden, ist es gut, wenn Menschen daher kommen, die entgegen des Mainstreams, neue Behauptungen aufstellen, die nicht etwa aufgrund überbordender Intelligenz geäußert werden. Sondern schlicht, weil diese Menschen sich in Geschichte auskennen. Helmut Schmidt beispielsweise hat im Zusammenhang mit der Truppenabzugsdiskussion in Afghanistan auf die Historie und die kulturelle Zusammensetzung dieses Landes verwiesen und gemeint, Alexander der Große habe es richtig gemacht – und das Land nach dem Einzug gleich wieder verlassen.

Geschichte ermöglicht es uns, einen größeren Zusammenhang herzustellen und die Dinge in einem neutralen Licht zu sehen. Losgelöst von den Gefühlen der Gegenwart offenbart uns die Geschichte interessante Fakten. Und das, obwohl der Fokus weitaus häufiger auf den geführten Kriegen, aufgegangenen und erloschenen Zivilisationen, auf Skurpellosigkeit, Menschenrechtsverletzungen und allen erdenklichen Übeltaten ruht als darauf, was sich eigentlich in der Zwischenzeit verbessert haben mag.

Öffentliche Resistenz

Die Verbesserungen ignorierend reiten wir  gerne auf längst vergangenen oder jüngst verübten Gräueltaten herum, um unser jetziges Tun zu rechtfertigen, unseren Weltschmerz zu addressieren oder unsere Lust nach Tratsch und Sensation zu befriedigen. Und kopieren mediale Aussagen, die sich zur allgemeinen Wahrheit aufschwingen, je öfter wir diese Aussagen gebrauchen:

  • “Bedürftige können nicht mit Geld umgehen”
  • “Alimentierte ruhen sich auf ihrer Freiheit aus”
  • “Freiheit ist nur etwas für Gebildete”
  • “Ungebildete Menschen sind krimineller als gebildete”

Ohne Scham entsenden wir solche Menschenbilder in die Sphären des World Wide Web oder streuen sie in unserem Bekanntenkreis. Selten wird die Frage gestellt, ob das denn so überhaupt stimmt. Stattdessen sind wir so beschäftigt damit, uns gegenseitig Recht zu geben, die Köpfe zu schütteln und es uns allzu gerne entweder in der paternalistischen oder in der Opferrolle behaglich zu machen.

Schlimmer noch, dass die Absender solcher Aussagen sich nichts weiter dabei denken und auch noch glauben, gute Argumente gegen oder für etwas ins Feld geführt zu haben. Sie merken nicht, dass sie wieder mal die allgemein als gültig anerkannte Wahrheit bedient haben, die nur deshalb wahr zu sein scheint, weil alle sie nachplappern. Und weil sie sich besser anfühlt, als möglicherweise eine etwas unbequemere und schwer nachvollziehbare Tatsache, die ihrem Wesen nach nicht so einfach zu schlucken ist. Man möchte sein Misstrauen behalten oder die Wahrheit pflegen, die einem am besten in den Kram passt.

“Ich kann ja doch nichts tun”

Die Macht oder Ohnmacht eines Einzelnen liefert Stoff, um darüber nachzudenken. Derjenige, der sich als ohnmächtig bezeichnet, tut das sogar dann, wenn er in einem Land lebt, das ihm demokratische und freiheitliche Grundrechte zugesteht. Seine Ohnmacht begründet er damit, er habe ja bereits dieses oder jenes versucht und es habe nichts gebracht. Wirklich nicht?

Wieso meinen wir, dass es nichts bringt, wenn wir eine Meinung vertreten, bei der unser Gegenüber das starke Empfinden hat, dass wir es genauso meinen, wie wir es sagen? Nur, weil wir nicht im Diskussionsverlauf gleich Recht bekommen? Weil wir uns kontra Argumenten gegenüber sehen? Weil in der Vehemenz, in der die Diskussion geführt wird, niemand das Gefühl bekommt, er würde so recht von dem anderen verstanden? Unsere Ungeduld ist es, die uns im Weg steht. Da wir keine eins-zu-eins Reaktion im positiven Sinn bekommen, gehen wir davon aus, bei unserem Gegenüber nichts bewirkt zu haben. Häufig stimmt das jedoch nicht. Man gebe den Menschen ein wenig Zeit zum Nachdenken. Je authentischer man sich in einer Debatte oder innerhalb einer Aufgabe bewegt hat umso nachhaltiger ist die Reaktion.

Was würde ein Lehrer sagen, der an einer schwierigen Schule unterrichtet, wie viel oder wenig er für seine Schüler hat tun können? Was sagt ein Hausarzt über seine Patienten? Wie beurteilt ein Polizist seine Arbeit? Wie bewerten  Menschen ihren Einfluss, wenn sie in der Hierarchie-Leiter ganz unten stehen. Oder wenn sie einen Beruf ausüben, der weniger sinnstiftend ist als andere? Wie einflussreich fühlen sich Leute, die keine Arbeit haben? Und stimmen diese Gefühle mit den tatsächlichen Begebenheiten überein?

Fakt ist: Jeder von uns übt Macht aus und zwar täglich. Wir interagieren mit anderen Menschen. Wann immer es zu einer Begegnung kommt, formen wir den Eindruck desjenigen, mit dem wir zusammentreffen. Wir sollten uns dieser Tatsache häufiger bewusst werden, um die Negativität, mit der wir so oft konfrontiert zu sein scheinen, zu durchbrechen.

Es ist im Hinblick auf ein Grundeinkommen eine interessante Frage, ob die Debatte pro oder kontra in der Hauptsache in Bezug auf die Emotionen beziehungsweise Ängste geführt wird. Aus meiner ganz persönlichen Sicht kann das mit einem eindeutigen “Ja” beantwortet werden. Selbst in der Frage der Finanzierung ist nicht etwa mathematisches Kalkül vorherrschend. Denn im selben Atemzug, in dem man sich irgendwie eine Finanzierung vorzustellen versucht, schiebt sich einem die Schuldenuhr des Staatshaushaltes in das Blickfeld und jede Hoffnung, ein Grundeinkommmen könne tatsächlich finanziell geschultert werden, geht den Bach herunter. Gefüttert mit schlechten Nachrichten und Szenarien der Hoffnungslosigkeit gestatten wir es unserem Geist nicht, über seine eigenen Grenzen hinaus Visionen zu entwickeln.

Die persönliche Wahrheit

Ist alles eventuell nur eine Frage der Wahrnehmung? Muss man sich einfach nur in den “richtigen Kreisen” bewegen, um sich nicht von allzu viel Skeptik und “Realität” beeindrucken zu lassen? Unsere persönliche Wahrheit suchen wir uns aus. Wir treffen irgendwann die Entscheidung, ob wir uns einreihen in die übergroße Armee der Skeptiker und Nein-Sager, der Weltuntergangs-Szenarien-Entwickler oder ob wir das als sinnlos betrachten und uns lieber nach Leuten umschauen, die etwas erzählen, das wir noch nicht kennen.

Wir werden zu freiwilligen Träumern, die ein wenig verständnislos darüber sind, dass es Menschen gibt, die den Traum allein als Schimpfwort kennen und sich selbst angenehme Vorstellungen versagen.

Ja zu sagen, ist eine Freiheit, die sich gut anfühlt.

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2 responses to this post.

  1. [...] Mehr auf “welcome the future“ [...]

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  2. Das Wort zu Ostern. Danke.

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