Unterscheidung ist gut – Abgrenzung nicht
Ich sah mich mit der Aussage konfrontiert, zu viele Kategorien aufzumachen, die die Menschen in bestimmte Schubladen einteilen.
Darüber habe ich noch mal nachgedacht. Die Unterteilung des Menschen in Klassen bietet theoretische Modelle, um bestimmte Vorgänge und Entwicklungen zu begreifen. Einerseits vereinfacht es die Dinge, andererseits erschwert es sie.
Menschen scheinen sich wohl damit zu fühlen, sich voneinander zu unterscheiden. Der Mann unterscheidet sich von der Frau, der Asiate vom Europäer, das Naturvolk vom Großstadtmenschen und so weiter. Man kann durchaus dafür sein, kulturelle, geschlechtliche und soziale Unterscheidungen zu machen. Sie sind ja tatsächlich vorhanden. Allerdings – betrachtet man den Mensch als Ganzes (nicht die Geschlechter) ist die Biologie nicht allein ausschlaggebend. Sondern die Erfahrungswelt und das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Kultur. So unterscheidet sich die Welt eines tibetischen Mönchs ganz sicher von der eines westlichen Unternehmers. Dementsprechend unterschiedlich ist ihre Wahrnehmung und sind ihre Entscheidungsgrundlagen.
Unterschiedlichkeit ist an sich nichts Schlechtes. Trennung hingegen ist problematisch. Indem man die Unterschiede als vorhanden – also weder gut noch schlecht – anerkennt, wird noch keine Wertung vorgenommen. Bewirkt die Unterscheidung jedoch, dass aufgespaltene gesellschaftliche Schichten voneinander abweichende Interessen annehmen, beginnen die Probleme.
Was hat sich getan – seitdem der Mensch sich auf zwei Beine stellte?
Ich möchte hierzu das Beispiel von Mann und Frau anführen. In der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung haben die frühen Völker dieser Erde die typisch weiblichen und die typisch männlichen Merkmale naturgemäß in ihr Leben integriert. Die biologischen Unterschiede wurden nutzbringend und zusätzlich gemäß der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen innerhalb eines Volkes eingesetzt – wäre das anders gewesen, gäbe es uns heute vielleicht nicht mehr und wir wären irgendwann im Stadium eines Homo Irgendwas ausgestorben.
In der Wahrnehmung des eigenen individuellen Stellenwertes werden die frühen Menschen allein deshalb schon keine Wertung vorgenommen haben, da sie sich in kleineren Gruppen in einer Welt zu behaupten hatten, die ihnen gleichermaßen reichen wie auch gefährlichen Lebensraum bot. Im Kampf ums Überleben war der Einzelne zweitrangig. In diesen archaischen Zeiten muss die Welt dem einzelnen Lebewesen als überaus groß, mystisch und mächtig erschienen sein, denn physikalische Gesetze – wie die Naturgewalten – und ein sich Erklärenwollen der Schöpfung waren noch unendlich weit entfernt.
Der archaische Mensch wird religiös
Den Rest der Evolutionsgeschichte kennen wir ja im allgemeinen. Eine – gleich zu Beginn entstandene – maßgebliche Größe ist hierbei die Entwicklung der Religionen. Der archaische Mensch, der bis dahin noch kein Paradigma kannte, wurde zum religiösen Menschen, der irgendwann damit begann, die Welt in “männlich” und “weiblich” einzuteilen. Dies muss schlüssigerweise das allererste – weil optische und biologische – Unterscheidungsmerkmal gewesen sein, nachdem die Menschen ihr Leben und Streben ausrichteten.
Überlieferungen von matriarchalen Epochen, wenn auch in vergleichsweise geringer Zahl und mit wenig stofflichen Beweisen, lassen die Annahme zu, dass vor Beginn des patriarchalen Zeitalters das Weibliche eine signifikante Machtstellung erreicht haben muss. Prähistorische Funde, wie Kunst- oder Ritualgegenstände, stellen die Frau – als Mutter – in göttlicher Art und Weise dar. Einem negativen Umstand zufolge, wird diese Ära untergegangen sein, vielleicht, weil Frauen ihre Macht missbrauchten.
Mit dem Eintritt der Zivilisation, also dem Sesshaftwerden des Menschen und dem Betreiben von Landwirtschaft, können Frauen es gewesen sein, die ihren Anteil dazu beitrugen, damit sich Schrift und Rechenkunst entwickeln konnten. Der Mann wird sich nicht von jetzt auf gleich mehrheitlich als Gärtner oder Landwirt betätigt haben, wo die Domäne des Pflanzensammelns zuvor eine Aufgabe der Frauen gewesen ist. Die Nutzung der intellektuellen Instrumente, die später eher dem männlichen Prinzip zugeschrieben wurden, können genauso gut dem weiblichen Betätigungsfeld zugeordnet werden. Beruft man sich auf Sprache – “matra” und “meter” bedeutet auf Sanskrit und Griechisch gleichermaßen “Mutter” und “Messung” – so ist diese Theorie nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Wortursprung von mathematischen Vorgängen liegt in den Begriffen “Metrik, Mensur, Meter, Mensis, Markierung” usw. Was den Schluss zulässt, dass der weibliche Zyklus, der ja einmal im Monat auftritt, die Richtschnur für das Kalendarium sein könnte.
Vielleicht stellt das aber einfach den Versuch dar, die als positiv gewerteten Entwicklungsschritte nicht allein den Männern zuzuordnen und “Fortschritt” mit einem ausgleichenden weiblichen Anteil zu versehen. Was allein deshalb schon nachvollziehbar ist, weil die Errungenschaften der letzten Jahrhunderte auf der Wissenschaft von Männern beruhten und man den Frauen gemeinhin weniger Intelligenz zuschrieb. Wie man weiß, geschah dies in teils sehr diskriminierender und unwürdiger Weise. Der Wunsch der Frau, sich von Ausgrenzung, Reduzierung auf das Gebären von Kindern sowie materieller Abhängigkeit zu emanzipieren, ist nur allzu nachvollziehbar. Die daraus entstandenen Folgen sind jedoch nicht bedingungslos als gut zu bezeichnen.
In der gesellschaftlichen Anerkennung allein männlicher Eigenschaften und der Aberkennung des Weiblichen sahen die Frauen ihre einzige Chance auf Gleichberechtigung. In der Konsequenz strebten sie die gleichen Dinge an, wie die Männer. Dadurch verließen sie jedoch ihre eigenen Kompetenzbereiche – der Irrtum bestand – und besteht – also darin, dem Mann “gleich” sein zu wollen. Dass dies keine echte Gleichberechtigung ist, liegt auf der Hand. Wir können nicht gleich sein, allein, weil es die Biologie so vorgibt. Und nur, weil wir irgendwann entschieden haben, gleich sein zu wollen, bedeutet das nicht, dass das irgend etwas mit Erfolg zu tun hat.
Männlein & Weiblein – die Stärke liegt im Unterschied
Heute dürfte aber Eines klar sein: Männer sind nicht intelligenter als Frauen. Genau wie umgekehrt Frauen nicht intelligenter sind als Männer. Deutlich ist aber: Die Intelligenz beider Geschlechter ist nicht in den Vergleich zu setzen, da ein einheitlicher Maßstab nicht für Mann und Frau gleichermaßen gelten kann. Aus dem einfachen Grund: Mann und Frau sind unterschiedlich intelligent. In der Anerkennung dieses Unterschieds sind wir heute nicht mehr genötigt, etwas anderes zu beweisen. Da das Patriarchat allerdings – gemessen an der Zeit und uns überlieferten Geschichte – allerdings schon eine ganze Weile vorherrscht, sind auch die begangenen Fehler und Irrtümer einer patriarchalen Gesellschaftsordnung weitreichender und tief greifender. Die Auswirkungen gehen bis in die Gegenwart und sind im realen Leben manifestiert.
Was bedeutet das?
Damit das nicht missverstanden wird: Hier wird nicht nach Schuldigen gesucht. Niemand sollte im Nachhinein vergangene über Jahrtausend alte gesellschaftliche Entwicklungen und tief verwurzelte Überzeugungen dafür heranziehen, um einen Kampf in der Gegenwart zu führen. Es bedeutet: Die weibliche Epoche ist (längst) vorbei. Die männliche Epoche ist im Begriff, sich zu wandeln. Diese Wandlung kann jedoch nur in Vollendung geschehen, wenn der Geschlechterwettbewerb ein Ende findet. Man meint, in der Emanzipation der Frauen – ihrer Teilnahme am Berufsleben, der “Vereinbarkeit” von Karriere und Kind, der Wahlberechtigung und allen anderen Maßnahmen – sei man bereits kurz vor dem Ziel. Fragt sich nur, was wird da finden.
Eine Ahnung davon haben wir: wir sehen ein Auseinanderbrechen der sozialen Gefüge. Dass die Frauen soziale Wesen sind, dass sie eine andere Art von Sozialverhalten haben, braucht keinen Nachweis. Das wissen wir. Warum, auch das wissen wir. Es sind nun mal die Frauen, die die Kinder bekommen.
Die hierzulande als bedenklich empfundene Tatsache, dass wir pro Frau Einskomma irgendwas an Nachkommen haben, führt uns jetzt vor, was wir in der Vergangenheit als unser Frauen-Recht eingefordert haben. Nämlich, den Beruf an die allererste Stelle zu stellen. Noch vor allem anderen, denn ein Beruf bedeutet ein Einkommen. Und ein Einkommen bedeutet Unabhängigkeit. Doch Unabhängigkeit wovon? In großem Maß eine Unabhängigkeit von der Familie und zwar der eigenen. Ob es nun die räumliche Distanz von der Ursprungsfamilie ist oder die Interdependenz vom Ex- oder Ehepartner. Beruf und Einkommen macht uns frei. Vermeintlich. Kinderkriegen macht uns abhängig. Vermeintlich.
Betrachtet man Familie aber nun als etwas höchst Schützenswertes und stellt es noch über den Einkommensbegriff und die Anerkennung eines abseits der Familienarbeit ausgeübten Berufes, wird deutlich: Familienarbeit verdient ein ebensolches Einkommen wie Berufstätigkeit. Es verdient ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Warum? Kinderkriegen: das ist ja nicht so, als würde man nach der Entbindung nach Hause kommen und dort warten dann die Euros auf einen, pro Kind, pro Monat. Ein Kind ist kein Produkt, mit dem sich unmittelbar Geld verdienen lässt. Im Gegenteil: Ein Kind zieht eine hohe Investition nach sich. Sowohl finanzieller als auch emotionaler Art. Ein Kind kann man nicht auf den Markt “werfen” und damit Umsatz machen. Damit unterscheidet sich das Kinderkriegen eklatant von allen anderen menschlichen Leistungen und Produktionen, die wirtschaftlichen Nutzen nach sich ziehen. Trotzdem oder gerade deshalb möchte man aber Kinder. Erstens stiften sie dem Leben einen Sinn und zweitens sind sie Art erhaltend. Insgesamt brauchen wir Kinder, um uns sozial nicht zurück zu entwickeln – eine kinderarme Welt ist gleichzeitig auch eine Welt, in der wir uns zu sehr auf Wirtschaft konzentrieren und zu wenig auf Mitmenschlichkeit, Kooperation und schließlich auch Spaß und Pflichtgefühl. Die größte Verbindlichkeit und die größte Verpflichtung fühlen wir unseren Kindern gegenüber.
Götz Werner hat in seinem Interview behauptet, Frauen seien der Grundeinkommensidee gegenüber aufgeschlossener als Männer. Mich wundert das nicht. Erstens, weil ich selbst eine Frau bin und zweitens, weil dahinter die Möglichkeit steht, die Entscheidung für Kinder nicht nach heutigen, sondern nach künftigen Gesichtspunkten treffen zu können. Auch, weil die Emanzipation noch nicht so alt ist und wir Frauen den Konkurrenz- und Leistungsgedanken einfach noch nicht so lange in uns tragen bzw. danach leben, wie die Männer.
Und es geht nicht nur um die Kinder, sondern auch um den Rest von Familie. Die Eltern, Geschwister und sonstigen nahe stehenden Verwandten, die heute über einen großen Teil von ehrenamtlicher Arbeit mittels Fürsorge und Pflege miteinander leben – was gut ist. Die aber zu einem immer größer werdenden Teil auf Distanz leben – was nicht so gut ist. Dass wir mit einem Grundeinkommen diesen so wichtigen Baustein bürgerschaftlichen Engagements einfach nur anders definieren würden beziehungsweise eine Definition gar nicht mehr benötigt würde, ist eine überaus große Motivation, sich für ein Grundeinkommen zu entscheiden.
Damit erhielten auch die Frauen endlich eine Gleichberechtigung, die nach den dunklen Jahrhunderten der Unterdrückung und den falsch eingeschätzten positiven Folgen der Gegenwart an der Zeit ist. Indem die Anerkennung der naturgemäßen Unterschiede stattfindet, passiert etwas: Die Männer behalten ihre Domänen, die Frauen kriegen ihre Domänen wieder zurück. Dieser Prozess, der mit aller Macht vor etwa einhundert Jahren begonnen hat und den beide Geschlechter in oft schmerzlicher Weise durchlaufen sind, war jedoch nicht umsonst. Wir können eine moderne Gesellschaft sein und trotzdem Familie leben. Frauen können dennoch arbeiten und sich frei für oder gegen Kinder entscheiden. Männer müssen nicht die Ernährer um jeden Preis sein, sie müssen auch nicht um jeden Preis wirtschaftlich erfolgreich sein, es dürfen andere Vorstellungen von Erfolg Einzug halten.
Alle tragen nach wie vor die volle Verantwortung für ihr Leben, denn ein Grundeinkommen ist nicht nur ein Geschenk, sondern genauso der Abriss von verantwortungslosen Entwicklungen, indem man – wie bei der Sozialversicherung – Summe X auf ein Beitragskonto einzahlt, bei dem Summe Y dann an irgendeiner Stelle, kaum nachvollziehbar, an irgend einen anderen ausgezahlt wird. Oder versteht jemand etwa die Berechnung der gesetzlichen Rente? Weiß irgendwer, wie umständlich es ist, Kurzarbeitergeld oder Mutterschaftsgeld auszurechnen? Wissen wir etwa, wie teuer die Magenspiegelung im Krankenhaus war? Wissen wir auf Anhieb, wie hoch unsere eigenen Steuerabgaben sind?
Ein Grundeinkommen ist wie ein Haushaltsgeld, dass uns direkt und ohne Umwege ausgezahlt würde, mit dem wir dann eins zu eins verfahren müssten. Und selbst die Quelle des Grundeinkommens wäre mit einem Blick durchschaubar: finanziert würde es beispielsweise aus dem, was wir konsumieren. Unser Haushalt: den sollten wir wieder selbst schmeißen. Mit allem, was dazu gehört.
Veröffentlicht von Karl-Heinz Müller am April 23, 2010 um 11:05 am
Hier werden gleich mehrere Aspekte angesprochen, die man sonst in der Grundeinkommensdebatte nicht findet. Ein hervorragender Beitrag und ein weiterer Beweis dafür wie unbedingt nötig wir ein Grundeinkommen brauchen.