Konsum und Kirche

Viel wird über die Giganten in der Wirtschaft berichtet, die sich an der Natur und am Menschen schuldig machen. Gen-Food, Umweltzerstörung, Raubbau – eine endlose Liste. Gerne zeigen wir mit den Fingern auf die bösen Konzerne. Damit machen wir es uns ein bisschen leicht. Die beste Ablenkung von sich selbst sind immer die anderen.

Ein Rundgang durch die Privatsphäre

Wenn wir aber mal in unseren vier Wänden nachschauen, was alles schädlich, umweltunverträglich und politisch nicht korrekt ist, was passiert da eigentlich?

Die Idee ist, den eigenen Haushalt zu untersuchen. Und das Verhalten im privaten Raum, wo wir unbeobachtet sind und uns gern “kleine Sünden” verzeihen.

Nehmen wir also einen ganz normalen Tag. Wir verlassen das Bett und kochen uns den ersten Kaffee. Ist es so, dass wir genauso viel Kaffee brühen, wie wir auch tatsächlich verbrauchen? Wie viel bleibt übrig, wie viel gießen wir weg?

Auf ins Badezimmer. Dort nehmen wir unsere morgendliche Dusche. Um was zu werden? Sauber? Wach? Wieso täglich? Manche Leute bringen es im Sommer sogar auf zwei Duschen pro Tag. Warum? Sich einen Luxus erfüllen? Duschen ist mittlerweile so normal geworden, dass viele es gar nicht mehr als etwas Privilegiertes empfinden, sondern als Selbstverständlichkeit. Hierbei verbrauchen wir Strom und sauberes Wasser. Als würde uns das Wasser gehören. Als hätten wir einen Anspruch auf Verschwendung, nur, weil wir angeblich für das Wasser zahlen. In Wirklichkeit zahlen wir im Moment viel zu wenig und in Zukunft viel zu viel. Auf der Ablage stapeln sich Shampoo, Conditioner, Duschgel und andere Sauber- und Schönmacher. Samt und sonders mit Inhaltsstoffen, die wir weder kennen noch hinterfragen.

Gehen wir ins Schlafzimmer, wo wir uns ankleiden. Dort stehen wir vor dem Kleiderschrank: “Wir haben einfach nichts anzuziehen!” Wer behauptet, Mode macht ausschließlich Spaß, der lügt. Mode ist Diktat. Andere beurteilen, ob wir mit dem Trend gehen, andere befinden, ob wir Stil haben. Der neue Fummel erregt Aufmerksamkeit, die neuen Schuhe Neid. Die Klamotten tragen wir eine Saison, danach rangieren wir sie aus oder sie gehen von alleine kaputt. Die T-Shirts kommen aus China, die Hosen aus Indonesien, die Schuhe schon lange nicht mehr aus Italien. Wie viel Tonnen Kleidung käme eigentlich zusammen, nähme man alle Kleiderschränke der Welt und schmisse man den Inhalt auf einen Haufen?

Geduscht, ordentlich gekleidet und eingesprüht verlassen wir das Haus. Um arbeiten zu gehen. Dort erledigen wir, was andere uns auftragen. Nine to five oder noch mehr. Auf dem Weg von und zur Arbeit regen wir uns über Verkehrsteilnehmer auf, fühlen uns in allem übervorteilt, ärgern uns über rüpelhafte Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger oder Busfahrer. Alle anderen haben Unrecht, nur man selbst nicht. Wir wollen, dass man uns Platz macht, rücksichtsvoll ist, dass sich die anderen an die Verkehrsregeln halten. Eigene Vergehen sind “ja nicht so schlimm”, selber Platz machen, dazu haben wir keine Zeit.

Zurück an Heim und Herd sorgen wir für unser leibliches Wohl. Der Kühlschrank muss eine reiche Auswahl an Speisen bereit halten, wir wollen uns schließlich gesund und vielfältig ernähren. Vitamine sind wichtig, Nährstoffe ein Muss. Zu teuer darf es auch nicht sein, schließlich wollen wir unser ganzes sauer verdientes Geld ja nicht für Lebensmittel ausgeben.

Wo früher die Existenz einen Großteil des Einkommens aufzehrte, gibt es heute Grundnahrungsmittel dumpingweise. Milch, Butter, Brot, Eier: das alles kriegen wir zum Spott-Preis. Darum gehen wir damit um, als wäre die Welt ein Selbstbedienungsladen. Lebensmittel wandern ungegessen in den Abfalleimer. Die Wurst schmeckt widerlich, also weg damit. Das dekorative Obst in der Schale wird braun, die Äpfel fleckig. Die viele Auswahl bewirkt, dass wir gar nicht alles essen können, was wir eingekauft haben. Der Joghurt, der einen Tag über dem Verfallsdatum seinen Platz im Kühlschrank beansprucht, könnte außerdem giftig sein.

All die Dinge, die wir besitzen: sie benötigen Raum und müssen untergebracht werden. Wir jammern, dass wir zu wenig Platz haben, es muss eine größere Wohnung her, damit wir die vielen schönen Sachen, die wir unser Eigen nennen, auch verstauen können. Manche Haushalte verfügen über riesige Gefrierschränke oder gar einen zweiten Kühlschrank. Würde man fragen, was alles da drin ist, wir wären um eine spontane Antwort verlegen. In Kellern und auf Dachböden stapeln sich Dinge, an die man lieber nicht denken möchte.

Peinlich reinlich

Machen wir uns ans Aufräumen. Wir putzen, saugen und säubern, was das Zeug hält. Schließlich soll unser Heim so aussehen, wie in den Hochglanz-Katalogen. Die Aufgabe, die vielen Dinge unterzukriegen und die Ordnung wieder herzustellen: ein täglicher Kampf. Der Kleiderhaufen, der sich auf dem Stuhl stapelt: rein in die Waschmaschine. Die Sachen sind nicht wirklich schmutzig, aber unschön zerknittert. Mancher Kleidung riecht man den Gebrauch an. Doch sie zum Lüften nach draußen zu hängen, dazu haben wir weder Lust noch die Zeit. Die Waschmaschine wird’s schon richten.

Wir waschen und säubern akribisch Dinge, die gar nicht schmutzig sind. Wir desinfizieren Toiletten, um uns vor “Erregern” zu schützen, Dreck und Staub sind Feinde. Chlormittel und Reiniger unsere Freunde. Das eigene Heim soll adrett, keimfrei und frisch sein. Dann gehen wir in die Parks, um uns Luft zu gönnen und legen uns ins Gras. Dass wir dort Millionen von Kleintieren, Bakterien und mehr aufnehmen oder unsere Körper als Wirte zur Verfügung stellen, merken wir jedoch nicht. Hauptsache, zu Hause ist es sauber. Eltern ermahnen ihre Kleinkinder, keinen Sand zu essen. Dass Dreckigsein – also die Berührung mit der Natur - ein wirksamer Schutz gegen Allergien sein kann, dass das Zusammenleben mit Tieren eher förderlich als hinderlich ist, kann man nicht sehen.

Eigentum verpflichtet – Konsum knechtet

Eigentlich gehen wir nur arbeiten, um in unserer Freizeit all das kaufen und verbrauchen zu können, was wir uns so sehr wünschen. Neu müssen die Sachen sein: Flachbildfernseher, Computertechnologie, Handys, Autos, Fahrräder, Inline-Skates, Rasierapparate, Spielzeug, die Tageszeitung, die Wohnungseinrichtung, das Geschirr und so weiter und so fort. Der letzte Schrei, wo der wohl verhallt?

Das Gros dessen, was wir tun, ist, für einen Lebensunterhalt zu sorgen, der uns permanent und ein Leben lang an sich fesselt. Selbst die Freizeit ist nichts weiter als ein verlängerter Arm des Konsums. Wir gehen ins Kino, ins Theater, in Spielparadiese, auf Messen, zum Kiten, Skaten, Surfen, Skifahren, in den Club. Für all diese Dinge zahlen wir entweder Eintritt oder wir zahlen für die Materialien, die wir unser Hobby nennen.  Ausgehen und Hobbys betreiben: monetäre Investitionen, die meisten kurzlebig. Aus einer Laune heraus kauft man sich ein Skate-Board. Nach zweimaliger Benutzung stellt man fest, dass einem die nötige Disziplin fehlt oder es keinen Spaß macht. Dann wandert das Board in irgendeinen dunklen Schrank. Nächster Versuch.

Alles halb so wild? Jeder für sich mag sich komplett unschuldig fühlen. Die meisten Menschen denken sich nichts dabei, dass ihr eigenes Konsumverhalten der Motor ist, der das große Ganze am Laufen hält und den “Ausbeutern” das nötige Werkezeug und die Legitimation in die Hand gibt.

Das hat dazu geführt, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, wie es ist, einen Großteil der Zeit für die Beschaffung von Nahrung zu “opfern”. Nahrungsbeschaffung hat in dieser Welt nicht mehr viel mit Wertschätzung zu tun. Die Nahrung hat da zu sein. Damit wir möglichst wenig Zeit mit Einkaufen verbringen und möglichst viel mit Freizeit. Dass wir jedoch die ganze Zeit nichts anderes tun, als einzukaufen, ist etwas, das wir nicht erkennen oder nicht wahr haben wollen. Wir kaufen Medien, Kunst und Kultur. Zu festgelegten Preisen, an festgelegten Orten. Für Menschen, die hinter den Kulissen die Drecksarbeit erledigen, haben wir ein bisschen Mitgefühl übrig, wer will heuzutage schon Schlachter werden? Gesellschaftlich haben diese Leute aber keine Bedeutung, man unterstellt ihnen fehlende Bildung – immerhin haben sie ja nichts Besseres gelernt.

Im Supermarkt greifen wir in die Kühltheke, ins Brotregal, wir holen uns aus den Regalen, worauf wir Lust haben und worauf wir uns polen ließen. Uns gegenüber stehen schon lange keine Bäcker, Fleischer und Gemüsezüchter mehr, mit denen wir ins Gespräch kommen oder die wir fragen, wie die Ernte war, wie die Geschäfte laufen oder wie es der Familie geht.  In Ermangelung an privatem Klatsch und Tratsch reden wir über A-, B- und C-Promis, It-Girls und andere Fernsehstars und Sternchen – selbst mit guten Freunden. Bringen tut das nichts, denn teilnehmen tun wir nicht am öffentlichen Leben dieser Leute. Wir sind nur das Publikum für die Menschen, die eine mediale Bühne für sich entdeckt haben und sich in ihr, mal mehr, mal weniger peinlich entblößen.

Blut, Schleim und Exkremente

In der ökologischen Landwirtschaft haben die Bauern einen anderen Bezug zu Tieren und Pflanzen. Die Tiere werden geboren, sie werden gefüttert oder suchen sich ihr eigenes Futter, man lässt ihnen so viel Raum, wie sie benötigen. Um das zu gewährleisten, kann nur eine kleine Zahl von Tieren gehalten werden. Das Töten der Tiere passiert nicht woanders, diese Leute nehmen das selbst in die Hand. Erst das hautnahe Erleben von Geburt und Tod schafft einen realen Bezug. Niemand würde behaupten, dass Töten Spaß macht. Es muss getan werden, aber dann bitte nur in einem Maß, das sich vertreten lässt. Jemand, der sein eigenes Gemüse zieht oder ein Huhn schlachtet, käme nie im Leben auf die Idee, etwas davon wegzuschmeißen. An Orten, wo wir mit der Natur in Kontakt geraten, passieren Dinge, die wir heute “ekelhaft” oder “Übelkeit erregend” finden. Nicht nur, dass wir die Tiere versorgen, sondern sind wir auch Krankenpfleger, Geburtshelfer und Putzkraft.

Die Beziehungslosigkeit, in der wir alle heute gefangen sind, verbreitet eine üble Gewohnheit. Wir verdrängen das Weggeschmissene und kaufen etwas Neues. Umso mehr wir sinnlos verbrauchen, umso hektischer wird das Bestreben, sich Ersatz zu beschaffen. Statt den Konsum zu vermindern, beschleunigen wir ihn auch noch. Indem wir akzeptieren, dass Preis und Leistung in keinem Verhältnis mehr zueinander stehen. Wenn ein Sweatshirt von John Gailliano 150 Euro kostet, loben wir den guten Geschmack des Trägers, geben damit an, wie teuer es war und sonnen uns im Land der Labels. Vergleichen wir nun den Wert von Lebensmitteln (die wir immerhin viel nötiger brauchen als das fünfzehnte Shirt) mit dem von Luxus- oder Alltagsgegenständen, erreichen wir einen Grad von Missverhältnis, den man nur noch als “wahnsinnig” empfinden kann.

Die Weltwirtschaft, ein Großteil der in ihr tätigen Menschen, konzentriert sich auf den Fortbestand und das Anwachsen des Konsums. Für diesen enormen Hunger nach Ersatzbefriedigung sind wir bereit, alles zu zerstören, was uns eigentlich am Leben erhält: Luft, Boden und Wasser. Das Ganze nennen wir dann “Wohlstand”.

In unseren eigenen vier Wänden schrauben wir kräftig mit und denken allen Ernstes, dass die mediale Schlammschlacht, der investigative Journalismus – also die Benennung und Offenlegung der Machenschaften in den Konzernen und Regierungen dieser Erde – mehr sein könnten, als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Hier wird aber nur vorgeführt, was wir selbst mitverursacht haben. Eine völlig unnatürliche und von der Natur abgekoppelte Lebensweise, aus der es scheinbar kein Zürück mehr gibt.

Alle Maschinen stopp?

Was, wenn jeder Einzelne sich zurückhielte? Was, wenn wir unseren Konsum auf ein erträgliches Maß zurückschrauben würden? Was passierte dann mit der Wirtschaft? Würden wir den Motor langsamer laufen lassen oder würden wir ihn sogar abwürgen?

Das Argument, weniger zu konsumieren, trifft auf Widerstand. Und zwar nicht nur in den Reihen derer, die damit aussorgen, sondern auch in den Reihen der ganz normalen Verbraucher. Schließlich macht es keinen Spaß, sich nur noch mit Kernseife zu waschen, nur noch eine begrenzte Auswahl an Käse zu kaufen, nur noch Obst und Gemüse aus der Region zu essen. Schließlich will man auch noch Paris, Florenz und New York bereisen, schließlich machen das alle anderen. Man zeigt Leuten einen Vogel, die sich auf die andere Seite stellen und extreme Verweigerer sind. Den Menschen, die beschlossen haben, auszusteigen und ungemütliche Fragen zu stellen. Schließlich würden wir alle arbeitslos, wenn wir den Konsum verweigern. Das könnte sogar stimmen. Würden wir mit einem Schlag aufhören, wie die Blöden zu konsumieren, hätten wir ein Problem. Ein weltweites.

Dies zeigt deutlich, dass wir eine Spirale geschaffen haben, aus der es kein schnelles Entrinnen gibt. Wir sehen das Problem. Es ist die absolute und totale Abhängigkeit. Tatsächlich ist die einzige Chance, das Wachstum aufzuhalten, dass wir langsamer werden, dass wir gemäßigten Verzicht üben. In kleinen Schritten hin zu einer natürlichen Ordnung und einem gesunden Verhältnis zwischen Verbrauch und Regeneration.

Der Weg dahin führt über das Individuum. Zu erkennen, wo es wichtig ist, Einfluss zu nehmen, Nein oder Ja zu sagen und alternative Optionen und Ideen in die Gemeinschaft hineinzutragen. Damit aufzuhören, sich selbst in die Tasche zu lügen. Niemand hört es gerne, wenn man ihm Verantwortungslosigkeit unterstellt. Doch wo soll der Sinneswandel herkommen? Wer wird es richten? Die anderen? Die Guten?

Ist die Religion noch zu retten?

Wer die Guten sind, das lässt sich allerdings schwer ermitteln. Selten finden wir Menschen, an denen wir uns orientieren wollen. Die Religionen hierzulande verlieren ihren Zulauf, die Kirchensteuerverweigerer fühlen sich völlig im Recht, weil sie keine Institution unterstützen wollen, die “Kinder schändet” oder sich weigert, sich zu modernisieren. Man erwartet, dass die anderen sich ändern, von sich selbst scheint man aber am allerwenigsten zu erwarten. Den Austritt begründet man damit, dass die Kirche angeblich “nichts mehr zu bieten hat” und ein dogmatischer Haufen sei.

Man erwartet, dass die Kirche ein Ort wird, der es schafft, neue Schäfchen um sich zu sammeln. Dann würde man sich eventuell auch bemüßigen, mal vorbeizuschauen. Doch diese Sicht auf Kirche ist eingeschränkt und entspricht nicht dem, was in der Realität geleistet wird. Die Arbeit von Leuten, die in der Diakonie oder der Caritas arbeiten, die in kirchlichen Kindergärten oder Beratungsstellen tätig sind, die Entwicklungshilfe und andere wertvolle Tätigkeiten leisten, tritt man damit unwissend mit Füßen. Permanent schaut man auf Misserfolge und Missstände und ignoriert das, was tagtäglich geleistet wird. Man muss schon ein verdammt dickes Fell und eine ordentliche Portion Optimismus haben, um die Kakophonie der öffentlichen Kritik an der Kirche nicht allzu persönlich zu nehmen, ganz besonders, mit so wenig ausgleichender Wertschätzung auszukommen.

Wenn Neinsager vergessen, “Ja” zu sagen

Die kirchlichen Organisationen müssen sich am meisten vor denen fürchten, die ein Anrecht auf alles beanspruchen, aber sich selbst zu nichts verpflichtet fühlen. Der typische Glaubens- und Kirchensteuerverweigerer hat oft keinen Schimmer, was mit “Kirche” sonst noch gemeint sein könnte. Er sieht nur die dunkle Seite, seine Rechtfertigung dafür, nicht mehr “mitzumachen”.  Der Kirchenaustritt beschert ihm ein paar Euro mehr im Geldbeutel und in der Regel fragt er sich nicht, ob er dieses Geld möglicherweise anderswo investieren könnte – da, wo er selbst erst einmal nichts davon hat. Ein paar lächerliche Kröten mehr bleiben, um sie dem Konsumstrom einzuverleiben. Altruismus sollen sich andere leisten.

Der Blick auf uns

Die so irr gewordene “westliche Zivilisation” wundert sich dann, warum man in fremdem Ländern extrem darauf reagiert. Wie Terrorismus und Extremismus überhaupt entstehen und was diese verrückten und brutalen Kamikazetruppen dazu bringt, sich so aufzuführen. Kommen wir langsam dahinter, dass wir es sind, die Provokateure? Wir sehen uns selbst als zivilisiert, aufgeklärt, überlegen und modern an. Unsere Wissenschaften, unsere Technologien begründen jeden noch so großen Wahnwitz.

Die fehlende Spiritualität, der Glaube an Schöpfung und Einssein mit dieser verrufen wir gern mal als Esoterik. Die ganze Welt infiltrieren wir mit dem “Western way of life” und loben die Forschritte in Indien und China. Unsere Religion ist der Konsum, der dahin führende Weg der viel beschworene Pfad der Bildung. Atheisten outen sich als solche und tragen eine gewisse Art von Herablassung mit gleichzeitiger Resignation vor sich her.

Ein Beitrag im ZDF zum Ökumenischen Kirchentag in München begleitete einen solchen Atheisten über das Veranstaltungsgelände. Er zeigte sich allem gegenüber kritisch, fand die Fußwaschung unangenehm, befand, dass die Beichte ein unnützes Überbleibsel sei und kein Mensch das Recht habe, jemand anderem seine Sünden zu verzeihen, verstand nicht, warum ein homosexuelles Mitglied der Kirche sich überhaupt noch mit Kirche abgibt, wo doch die Schwulen so fürchterlich diskriminiert worden seien und belächelte den Menschenstrom, der sich in Liebe und Frieden miteinander verbunden fühlte.

Dass die Kirche nur dann Modernisierung erfahren kann, wenn sich interessierte Menschen innerhalb aktiv beteiligen, dass nicht der Ausschluss, sondern die Inklusion etwas verändern kann, ist ein simpler Gedankengang. Verweigerung in der Mitarbeit, Kritik an den Systemen, egal, ob es sich um Kirche, Verbände, Gewerkschaften, Politik handelt, ist nichts anderes, als das sich Herausstehlen aus der Verantwortung. Der Mensch flüchtet das eigene Nest und glaubt, da draußen frei und selbstbestimmt leben zu können. Doch wenn ich mich von etwas löse, das so fundamental in uns Menschen verankert ist, dann brauche ich dringend einen Ersatz.

Wem noch nicht alles egal ist, der begibt sich auf die Sinnsuche. Er mag mit den Lehren des buddhistischen Glaubens liebäugeln, er findet Zufriedenheit in fernöstlicher Meditation, er macht Yoga oder tritt in den Ghospelverein ein, er geht tanzen. Optimal ist das alles dennoch nicht. Christliche Prägung, eine jahrtausendalte Geschichte lässt sich weder leugnen noch wegwischen. Zumal die Religionen oder Glaubensrichtungen im Ausland auch nur eine andere Sprache für etwas nutzen, das universell zu verstehen ist: Die Zugehörigkeit und der Glaube an eine Schöpfung.

Man kann in die Kirche gehen und dennoch die eigene Interpretationsfreiheit für sich beanspruchen. Schließlich geht es nicht darum, sich einem Dogma zu unterwerfen, sondern darum, mit Menschen zusammenzutreffen und zu schauen, was man bewegen, was man bewirken kann. Die ständige fruchtlose Diskussion über den Status Quo blockiert Handlung und Kreativität. Und lenkt den Blick ab von den Veränderungen, die bereits eingetreten sind. Nur geht es uns in der Regel nicht schnell genug. Die Frage ist: Wer nimmt das in die Hand? Etwa die Verweigerer, die sich mir nichts dir nichts aus der Affäre ziehen?

Was lässt sich mit Leuten anfangen, die sich die Verweigerung als eine Art Lebensmotto auf die Fahne geschrieben haben? “Man sehe nicht mehr ein, da mitzumachen, man gehe nicht mehr zur Wahl, Vereine und Gewerkschaften, alles nur korrupte Haufen, nirgends mehr “echte Werte”, überall Abzocke, Betrug und Mauschelei.” Was soll man darauf antworten? Ja, du hast vollkommen Recht? Geben wir’s auf?

Der Verweigerer macht es sich schließlich bequem und überlässt destruktiven Kräften das ganze Feld. Er legitimiert sich dazu, nichts zu tun, indem er Anklagen formuliert und so tut, als habe er sich aufgerieben. Möglicherweise hat er nie den Punkt erreicht, positive Erfahrungen zu machen, indem er den Schritt in die Gemeinschaft erst gar nicht vollzogen hat. Das, was ein Verweigerer am dringendsten bräuchte, sind eigene Erfolgserlebnisse, die ihn aus seiner kritischen Haltung herausholen und ihn zum Handeln motivieren.

Angebote gibt es wahrlich genug, Menschen, die andere mit offenen Armen empfangen. Man muss nur die Augen öffnen und das für sich auswählen, das einem am sinnvollsten erscheint und mit dem man sich identifizieren kann. Wenn es so etwas nicht gibt, bleibt die Möglichkeit, etwas eigenes ins Leben zu rufen.

Die Schwierigkeit mag gegenwärtig darin bestehen, dass es eine so große Zahl an Zusammenschlüssen gibt, die sich für Menschen und die Umwelt einsetzen, dass man sich unsicher fühlt, wem man sich nun eigentlich anschließen soll. Mit ein wenig Nachdenken dürfte aber auch das gelingen.

Wir unterschätzen, dass andere Länder, in denen die Religion noch einen weitaus größeren Stellenwert hat als bei uns, die Entwicklung in Europa und den USA sowohl mit Sorge als auch mit großer Irritation betrachten. In den extremen Wahrnehmungen der westlichen Zivilisation formen sich darum extremistische Gruppen und Terrorvereinigungen, denen man nicht vernünftig begegnen kann – Angst hemmt Dialoge.

Dort sieht man nur noch, dass Glaube und Religion vollkommen abhanden gekommen zu sein scheinen. Weil wir in der Außenwirkung schon lange kein religiöses Land mehr sind. Indem wir medial unser eigenes Nest beschmutzen, unsere Kirchenvertreter öffentlich anklagen und diffarmieren, fördern wir diese Art der Wahrnehmung umso mehr. Menschen, die sich in dieser Hinsicht ernst nehmen, müssen uns für total übergeschnappt halten. Leichtfertig tragen wir diese Schlacht im öffentlichen Raum aus und wundern uns dann über die Auswirkungen im Ausland.  Medien schüren das Feuer – wo bleibt das Gegengewicht, das ein genauso großes Echo in der Öffentlichkeit findet?

Es geht nicht darum, völlig kritiklos durch die Welt zu spazieren. Es geht darum, genau dort aktiv zu werden, wo der Einzelne seine Kritikfähigkeit in Handlungsfähigkeit umwandeln kann.

Eine Antwort auf diesen Artikel.

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