Gibt es im Sudan eigentlich Sagrotan?
Und ist es nicht in Bahrain porentief rein? Sind nicht in München die Bürgersteige wie geleckt? Und haben nicht alle Bahnhöfe Bezahlklos mit rotierenden Überziehern? Wird die Wäsche nicht schon bei vierzig Grad supersauber?
Ist es nicht hübsch, wie sich das Dreirad vom Kleinen nahtlos ins Habitat-Wohn-Ambiente einpasst? Das Frühstück nehmen wir im Schneidersitz auf antibakteriellen Pitchpine-Fußböden ein. Vorher reinigen sich noch alle rituell die Hände mit Feuchttüchern. Die Küche sieht aus, als wäre sie nie benutzt worden. Doch das täuscht. Man weiß heutzutage einfach, wie systemisches Kochen funktioniert.
Während wir genau wissen, wo die Keime auf uns “lauern”, Ärzte ihr Privileg auf Mundschutz aufgegeben haben, wir Räume mit Schuhüberziehern betreten, Leuten zunicken, die sich beim Öffnen einer Tür nicht mehr länger schämen, wenn sie einen Ärmel über die Finger ziehen, Kinder ins Krankenhaus bringen, weil sie sich Erde in den Mund steckten, unsere Wohnungen und uns selbst sterilisieren, ist es doch nie genug. Niemals sauber. Schließlich haben wir nachgeguckt. Dem Schmutz sind wir auf die Schliche gekommen. Er macht sich winzig klein, so klein, dass wir ihn erst unterm Mikroskop entdecken konnten. Gefunden haben wir ihn schließlich doch! Hygienische Sicherheit ist wichtig. Sehr sogar. Extrem bedeutsam. Es geht um die Gesundheit unserer Kinder, es geht um die Weltgesundheit.
Gott sei Dank gibt es Cilit big boom bang! Multifettwegmacher, Schimmelwimmelvernichter, Milbentöter, Kotkratzbürsten, Gasmasken und Schutzanzüge für den Fall, dass man das Bad noch selbst putzen muss. Wir danken der Reinigungsmittelindustrie für Tenside, Biozide, und Universal-Waschmittel. Wie man hört, boomt gerade in China das Flüssigwaschmittel. Dank sei auch ausgesprochen an die Körperpflegeindustrie, die uns nicht nur sauber macht, sondern auch gut riechen lässt.
Sauber steuern wir ein Gatthaker an, um uns am Ende unseres Lebens schließlich politisch korrekt selbst zu entsorgen. Viele sagen heute schon: “Verbrennen ist das richtige”. Das Urnengrab ist eben platzsparend. Allein die Vorstellung, dass der sterbliche menschliche Überrest von Würmern und anderem Getier nach und nach – wenn auch sauber – abgenagt wird: igitt! Gesundheit, Sauberkeit, Fitness, Bio, alles superwichtig. Turne bis zur Urne! Immer schön reinlich, bitte. Alte Menschen stinken, kleine Babys auch, genau wie Hühner, Schweine und Ziegen. Hält noch irgendwer den Geruch der Natur aus?
Wir kümmern uns um perfekte Rechtschreibung und Qualitätsmanagement. Um Zertifizierungen und Gütesiegel. Das lassen wir uns gerne etwas kosten. Wir vertrauen Siegeln und Stempeln mehr als unserer Nase. Hauptsache, das Label stimmt. Die Kommunikationsbranche boomt, die Qualitätsmanager schießen wie Pilze aus dem Boden. Nie haben wir ausgefeiltere Texte verfasst, um der Welt und dem Verbraucher zu zeigen, was für Saubermänner wir doch alle sind. Die Konzepte für Nachhaltigkeit, Solidarität und Kooperation: beim Lesen wärmen sie uns das Herz. Theoretisch macht das alles Sinn. Praktisch entpuppen sich die schönen Ideen von einer sicheren und gemeinschaftlichen Welt als blutleer. Ganz besonders dort, wo am lautesten damit gewedelt wird.
Die Sprache spiegelt den Reinlichkeitswahnsinn. Begriffe wie “Migrant” (Ausländer), bildungsfern (ohne Schul- oder Berufsausbildung), Genozid (Völkermord), Kollateralschaden (tote Menschen), Ausschreitung (Krawall) schönen das, was dahinter steht: Betroffenheit. Drum wollen wir uns einfach weniger betroffen fühlen und meinen, dass die Ausdrucksweise das, was in Wahrheit schrecklich ist, ein bisschen weniger furchtbar sein lässt.
Tatsächlich wissen wir, dass unser Konsum dazu beiträgt, dass der Müll ein Problem ist. Da treibt es dann neue Blüten wie die Müllmafia, die Müll-Kontrolleure, die Elektroschrottverschiffer. Der nicht mehr benötigte Schrott von gestern – denn wir wollen schließlich neue Laptops, neue Handys, neue Navis, neue Digi-Cams, neue DVD-Player – entschwindet aus unserem Gesichtsfeld und landet irgendwo in Afrika. Ist doch toll, wenn die da drüben noch irgendwas draus basteln können. Hauptsache, hier bleibt es sauber.
Hauptsache, wir rutschen nicht auf gewischten Fußböden aus. Und wenn doch, dann verklagen wir einfach denjenigen, der dafür verantwortlich ist. Denjenigen, der uns nicht gesagt hat, wir sollen bitte vorsichtig gehen, weil ein feuchter Boden Rutschgefahr bedeutet. Schließlich müssen wir immer genau Bescheid wissen: Ob es irgendwo unsicher wird. Weil, wenn man uns nicht darüber informiert, können wir schließlich nichts dafür, wenn was passiert, oder?

Veröffentlicht von Matthias am September 26, 2010 um 1:24 pm
So ein geiler Text!!! Danke.