Was ist Arbeit?
Diese Frage wurde hier bereits häufiger besprochen. In der BGE-Debatte ist sie ein zentraler Bestandtteil und wird immer wieder aufgerollt.
Dazu ein Auszug aus der Arbeit von Robert Pawelke-Klaer- “Das unbedingte Grundeinkommen” (Pawelke@marktlehre.de):
“Keine Almosen zu empfangen, sondern etwas geben zu können, sich seinen Lebensunterhalt im wahrsten Sinne des Wortes zu verdienen, das ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen. Der „träge und faule Mensch“ hingegen ist lediglich eine Erfindung des
Kapitalismus. Das Menschenbild vom „faulen Menschen“ ist der Zwillingsbruder des homo oeconomicus, der nicht genug kriegen kann. Sinnlos viel tun, heißt noch lange nicht, fleißig zu sein. Dem Wunsch „bedingungslos“ geben zu können, würde ein „bedingungsloses“ Grundeinkommen entgegenkommen, nicht ohne Versuchungen. Allerdings würde dies den Kapitalismus aushebeln, der von der Vorstellung lebt, man müsse den Menschen zwingen, zu geben (zu arbeiten), während der Kapitalismus selber bemüht ist zu nehmen, wo immer sich eine Gelegenheit bietet, weil man von seiner Arbeit nicht reich werden kann, sondern nur indem man sie oder die Waren teuer verkauft, was nichts anderes heißt, dass der Verbraucher den Reichtum zahlt.”
Innerhalb des kapitalistischen Systems ist eine alternative Definition von Arbeit kaum möglich. Zudem hat es immer damit zu tun, dass Arbeit etwas zu sein scheint, dass der Einzelne als Gegenleistung in die Gemeinschaft hineingibt. Dabei ist die Frage zu stellen, wie man denn “Gemeinschaft” versteht.
Menschen haben in Bezug auf ihre Arbeit eine unterschiedliche Einstellung. Wenige identifizieren sich vollständig mit ihr, der größte Teil sieht in der Arbeit ein Mittel zum Zweck (welchem Zweck?) und der Rest findet überhaupt keine Identifikation.
Gemeinschaft wird immer dann als real empfunden, wenn diese etwas mit einem selbst zu tun hat. Ansonsten bleibt die Gemeinschaft eine von mir entfernte, relativ anonyme Masse von Menschen. Meine Bereitschaft, etwas für diese Gemeinschaft zu tun, steht und fällt damit, wie wertvoll ich mich darin fühle, wie viel Anerkennung man mir gibt und was ich ganz konkret in ihr bewirken kann. Geht mein Einfluss gegen Null, empfinde ich dieser Gemeinschaft gegenüber keine Verpflichtung mehr. Das bedeutet, dass das Gemeinschaftsgefühl, das über die Arbeit entsteht, dieser einen Sinn verleiht.
Fehlt dieser Sinn, kann ich mich mit dem, was in meiner Firma produziert oder geleistet wird, nicht anfreunden, liegt das meistens nicht am Unternehmen, sondern an mir. Indem ich die falsche Wahl hinsichtlich eines Arbeitsplatzes traf. Das bedeutet, dass die persönliche Neigung bei der Berufswahl zwar zugunsten rein wirtschaftlicher Kriterien außer Acht gelassen werden kann. Doch langfristig macht mir meine persönliche Einstellung hier einen Strich durch die Rechnung. Ob ich will oder nicht: Ich fange an, meine Arbeit weniger zu schätzen, mich ihr nur mit halbem Herzen zu widmen und nur so viel zu tun, wie nötig ist. Mein Potenzial schöpfe ich dabei nicht aus. Vorgesetzte und Kollegen bleiben immer ein Stück weit auf Distanz. Da ich den größten Teil meiner Zeit in dieser sub-optimalen Gemeinschaft verbringe, liegt es nun an mir, den Gemeinschaftssinn irgendwo anders zu suchen. Außerhalb der Unternehmens-Spähre – wenn es innerhalb nicht klappt. Wie vielen Menschen gelingt das?
Ohne die Statistik heranzuziehen, scheint klar zu sein, dass das Gros der arbeitenden Bevölkerung sich wenig bis gar nicht mit ihrem Job identifizieren kann. Zudem ist es für viele nur eine Schutzbehauptung, ihre Arbeit als sinnstiftend zu bezeichnen. Um mit der eigenen Lebenslüge besser klar zu kommen. Selbst unerträgliche Arbeit, die deshalb so empfunden wird, weil ein Vorgesetzter uns zu arg zusetzt und man die Arbeit kaum noch aushält, führt nicht unbedingt dazu, dass einer die Branche wechselt. Er identifiziert seine Unzufriedenheit über Kollegen, den Abteilungsleiter oder den Inhaber. Der Schritt, den eigentlichen Sinn der Arbeit zu hinterfragen und sich damit intensiv auseinanderzusetzen, wird häufig erst gar nicht unternommen. Neuer Job, neues Glück.
Glücklicherweise wächst die Kritikfähigkeit mit zunehmendem Alter. Häufig wird die Sinnfrage in der Lebensmitte gestellt. Die Bereitschaft, sich bedingungslos anzupassen und die eigene Meinung and Weltanschauung daheim zu lassen, wird kleiner, je weniger einer bereit ist, dabei mitzuwirken, dass ein Unternehmen sinnlose Produkte herstellt. Ein Industrie-Designer etwa, dem daran gelegen ist, umweltfreundliche Verpackungen zu entwickeln, mag einer resistenten Unternehmensleitung den Rücken kehren, wenn seine Vorschläge permanent missachtet werden. Wenn deutlich wird, dass eine Firma allein auf Gewinnmaximierung konzentriert ist und Umweltfragen mit Aussagen, wie “zu teuer” abtut.
Es gibt zahllose solcher Beispiele. Den Menschen Abgestumpftheit und Dummheit zu unterstellen, ist leicht. Doch so dumm sind die meisten gar nicht. Prinzipiell wissen wir doch alle, wo der Schuh drückt. Eine Arbeit zu tun, die sowohl schädliche Auswirkungen auf die Umwelt hat, genau wie eine Arbeit, die permanent menschliche Bedürfnisse missachtet, richtet Schaden an. Das Ergebnis sind einerseits Müllberge, ein ausufernder Konsum und andererseits Menschen, die darunter leiden, dass man sich ihnen nicht in der gebotenen Fürsorge nähern kann. Tragisch wird es, wenn sich ein Arbeitnehmer soweit in sein Schicksal gefügt hat, dass er zwar den Missstand sieht, sich aber nicht mehr dagegen wehrt.
Die Gründe liegen auf der Hand: Es fehlt die Gewissheit, dass es anderswo besser sein könnte. Es fehlt der Mut, Arbeitslosigkeit zu riskieren. Es fehlt die distanzlose Gemeinschaft.
Es wundert nicht, dass andererseits die begehrtesten Jobs diejenigen sind, die kein oder kaum Geld einbringen. Theoretisch jedenfalls. Eine Arbeit, die keinen unmittelbaren monetären Nutzen nach sich zieht, ist genau die, die uns am stärksten befriedigt. Oder warum wollen so viele in der nicht subventionierten Kulturarbeit tätig sein? Weshalb gibt es noch immer Verrückte, die Kinder zeugen? Warum sprechen sich Menschen dafür aus, in sozialen Einrichtungen ehrenamtlich zu arbeiten oder für die eigene Familie da zu sein? Die Sehnsucht, sich der Gemeinschaft nahe zu fühlen, ist stark. Der äußerliche Druck, den Umsatz steigern bzw. produktiv im kapitalistischen Sinn sein zu müssen, ist nicht nur belastend, sondern steht häufig im Widerspruch zur eigenen Berufsethik. Viele wollen sich diesem Druck nicht wirklich beugen, tun es aber notgedrungen in Ermangelung echter Alternativen.
Viel zu oft ignoriert man das Bedürfnis zugunsten einer gut bezahlten Arbeit, weil man gewisse Verpflichungen habe. Diese Verpflichtungen heißen häufig Darlehen aufs Haus, Ratenkredit fürs Auto, Markenkleidung, neueste Technik, Fernreisen. Mit wie viel Bedacht werden diese Entscheidungen getroffen? Und vor allem: mit wie viel eigenem, vorhandenen Kapital? Unser so heiß geliebter Besitz bleibt in den meisten Fällen einfach nur ein Pfand, den wir der Bank abtreten, sobald das Einkommen einbricht oder noch schlimmer: sich Ehegatten voneinander trennen. Die größte Verpflichtung, die ein derartiger Lebensstandart mit sich bringt, besteht nicht den Menschen gegenüber, mit denen wir die vielen schönen Dinge teilen wollen. Was wir uns damit auferlegen, ist eine lebenslange Haft, um das, was wir uns gepumpt haben, wieder zurück zu zahlen. Damit ist klar, welchen Stellenwert die Arbeit in solchen Fällen einnimmt. Da geht es dann nicht mehr um so idealistische Wünsche wie, dass mir der Job Freude machen muss und ich meine Seele behalten darf.
Auf die Frage hin, was man denn tun solle, auch und gerade, wenn es um die Kinder und die Familie geht, spielt man schnell den Ratlosen. Das Haus verkaufen? Auf kleinerem Fuß leben? In der Tat wäre es klüger gewesen, sich über ganz grundsätzliche Fragen der eigenen Existenz klar zu werden, bevor man sich verführen ließ. Auch das ist eine Option: Haus und Auto verkaufen, weniger konsumieren und darum weniger arbeiten. Wer behauptet, dass das nicht geht, irrt. Wie bei allem ist es eine Frage des Wollens. Schließlich hat man sich doch auch willentlich dafür entschieden, viel zu arbeiten und viel zu konsumieren.
Das Problem, das wir gegenwärtig mit Arbeit haben, ist, dass wir unsere Lebensentscheidungen allein an ihr ausrichten. Wir ziehen dorthin, wo es Arbeit gibt (Ballungszentren). Auch die Familiengründung hängt davon ab. Um die Arbeit herum organisieren wir unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Freunde und Bekannte. Um die Arbeit herum organisieren wir unseren Urlaub und unsere Freizeitaktivitäten. Die Arbeit steht dabei stets im Zentrum und ist doch nichts, was uns als Ganzes ausmacht. Denn außerhalb der täglichen acht Stunden wollen wir es uns erlauben, jemand anderes zu sein als Kaufmann, Entwickler, Berater oder Techniker. Die Arbeit, sie gehört in Wirklichkeit gar nicht recht zu uns, wenn wir nicht zu ihr gehören wollen. Doch gerade in der Vermischung des Beruflichen mit dem Privaten liegt doch auch der Reiz. Wie kann Arbeit glücklich machen, wenn wir sie strikt von unserer Persönlichkeit trennen?
Derjenige, der eine Trennung von Job und Privatleben praktiziert, vermittelt bereits eine wichtige Botschaft. Wer nach Feierabend nicht mehr über die Arbeit sprechen will, jedoch nicht aufhören kann, über sie nachzudenken, wer in seinen Kollegen keine Freunde ausmachen kann, wer notgedrungen bei der Weihnachtsfeier Spaß demonstriert, der hat doch lange gekündigt.
Menschen, die ewig davon reden, dass das Leben und die Arbeit kein Wunschkonzert seien, wünschen sich häufig selbst am sehnlichsten, das wäre endlich mal der Fall. Ein Hauptargument gegen die Selbstverwirklichung lautet: “Wenn alle so dächten und handelten, bräche ja die gesamte Wirtschaft zusammen.” Als würde irgendeine höhere Macht im Hinterzimmer einen Schalter umlegen und alle Menschen sich wie gleich geschaltete Roboter benehmen. Fragt sich außerdem, was momentan eigentlich alles zusammenbricht.
Woran sollte sich die Wirtschaft einer Gesellschaft koppeln? Richtig: Daran, dass wir die Natur erhalten, unseren Lebensraum, die existenziellen Dinge wie Wasser und Lebensmittel nicht verschwenden und überkonsumieren. Das menschliche Gewissens sieht grundsätzlich ein, dass die Zerstörung von Natur und Gemeinwesen zwangsläufig Übles zur Folge hat. So massiv wir es auch unterdrücken, bricht es sich immer dann Bahn, wenn wir nicht an uns selbst, sondern an unsere Nachkommen denken.
Ist der Leib gesättigt, darf sich der Geist austoben
Der Reichtum der Industrienationen und die dadurch entstandene Fremdversorgung ist gleichzeitig dafür verantwortlich, dass der Mensch an sich es nicht mehr nötig hat, sich allein auf seine existenziellen Bedürfnisse zu konzentrieren. Er hat eine gigantische Spielwiese für sich erschlossen- eine unzureichende Sinnbeschaffungsmaschinerie hervorgebracht. Die viele frei gewordene Zeit abseits der Ernährungs- und Überlebensfragen, abseits von Spiritualität mündete schlicht in Langeweile. Getarnt ist diese Langweile damit, dass der Forscher und Entwickler vorgibt bzw. glaubt, allein zum Wohl der Menschheit zu handeln. Dabei ging und geht es darum, bloße Neugier zu befriedigen, es geht um den Kick und den Wettbewerb. Wer hat’s zuerst erfunden? Wer kann schneller, weiter, höher? Wandet sich dann der so Eifrige in das Mäntelchen der Wissenschaft, könnten ihm Ehre und Ruhm winken. Er meint, die Sinnfrage endlich gelöst zu haben.
Es wäre interessant zu fragen, was einer täte, dem weder Tantiemen, noch Reichtum, noch Ruhm als Ergebnis seiner Arbeit winkten? Was ist die wahre, eigentliche Motivation für Arbeit?
Indem der Mensch sich seine Existenz allein darin begründet, eine materielle Welt zu erschaffen, hat er unterwegs vergessen, dass er ein Teil des Planeten Erde ist. Kein Wunder, dass uns allen so nach Abwechslung verlangt. In der Tat, es ist zutiefst langweilig, eine Arbeit zu tun, die uns nicht im geringsten erfüllt.
Wohin bringt einen solch ein Denken? Tatsächlich führt es dazu, vieles, wenn nicht gar alles in Frage zu stellen. Wozu das gut sein soll, fragen diejenigen, die am besten gar nichts hinterfragen wollen und auf Weitermachen plädieren. Ob man nun die ganze Welt umkrempeln wolle und wie das bitte gehen soll? Ja, es ist ziemlich umständlich, lästig und häufig löst es trübe Gedanken, wenn nicht gar Depressionen aus, wenn man erstmal anfängt, Fragen zu stellen.
Interessant wäre es dennoch, herauszufinden, welche Maßnahmen der Einzelne ergreifen kann, um dem Teufelskreis von Konsum und Schulden zu entsagen. Mit dem Ziel, ein paar Dinge auszumisten. Eines steht zweifelsfrei fest: Mit weniger können wir alle auskommen.
Veröffentlicht von Peter Wolf am Oktober 2, 2010 um 9:33 am
Es spricht mir aus der Seele! Las es mit Tränen in den Augen.
Danke!
Veröffentlicht von wallnuss am Oktober 3, 2010 um 11:10 pm
fangen wir hinten an
– na klar koennen wir mit weniger auskommen. die frage ist, mit wieviel weniger ? die antwort fällt wie der haarschnitt individuell aus. also müssen halbwegs anerkannte normen her, ähnlich der strassenverkehrsordnung. um im bild zu bleiben: die ersten autos fahren gerade und vornweg läuft noch einer, der alle anderen darauf hinweist. nein – wir brauchen massenhaft leute mit grips, die vorleben, dass es schoen ist, mit weniger auszukommen. das weniger muss erwirtschaftet werden. ein halber tag sollte dafür reichen…& das schoene ist, wir sind schon auf den weg dahin.
Veröffentlicht von erika42 am Oktober 4, 2010 um 12:10 pm
Danke für den Beitrag. Ich denke, diese Normen werden von sich aus gesellschaftsfähig, da sich, wie Sie schon sagen, viele Menschen auf dem Weg dahin befinden. Zum Stichwort Straßenverkehrsordnung: eine ideale Verkehrsordnung kann auch ohne Schilder auskommen, indem sie sich selbst regelt. Hierzu gibt es interessante Versuche, leider weiß ich nicht mehr, in welchem Ort, aber dort hat man alle Verkehrsschilder abgeschafft. Finde ich spannend. Vielleicht weiß jemand mehr über dieses Projekt?
Veröffentlicht von Martin am Oktober 4, 2010 um 8:26 pm
Der Schritt, den eigentlichen Sinn der Arbeit zu hinterfragen und sich damit intensiv auseinanderzusetzen, wird häufig erst gar nicht unternommen. Neuer Job, neues Glück.
Ja, das kann ich nur bestätigen. Die Nachfrage nach einem sinnvollen Job ist gering, die meisten wollen einen Job bei dem mögl. viel verdienen, noch wichtiger aber ist das der Job eine langfristig sichere Geldverdienstquelle in Aussicht stellt. Auch nicht selten der Fall geht es um die reine Prestige-Frage, also welche Arbeitgeber passen zu meinem 1A-Lebenslauf.
Ich habe mir übrigens auch ein paar Gedanken zum Thema Arbeit und Sinn gemacht.
Hier findet Ihr den Artikel “Lebensaufgabe statt sichere Geldverdienstquelle”:
http://www.onlinetechniker.de/?q=node/29
Veröffentlicht von bin earre am Oktober 18, 2010 um 11:32 pm
Die Definition von Arbeit – das Nachdenken über das Tun der Arbeit – wirklich alles vom Feinsten. Es ist einfach so. Nur der Schluss ist abruppt und passt irgendwie nicht. Konsum und Schulden haben mit geleisteter Arbeit, ob jetzt sinnvoll geleistet oder rein pekunziär erworben, so viel zu tun wie Sonne und Mond. Beides ist da, aber beiden ist es gleich ob es sie gibt. Hier etwas ausmisten wollen, um mit “weniger” auszukommen ist ein Satz im Geiste des Sparens. Was soll den ausgemistet werden ? Und wie soll mit “weniger” ein Ziel erreicht werden ? Welches Ziel ? Um nicht nur Fragen abzuladen: Eine Abschaffung jeglicher “Ehrenämter” würde viele Menschen wieder in die Gesellschaft integrieren. Alle ehrenamtlich geleistete Arbeit verursacht nämlich, dass Menschen sich durch “Arbeit” nichts verdienen können, weil eben bereits alles geleistet ist und deshalb diese Menschen zu “Suchenden” degradiert werden. Bei der “Suche” sollen wiederum diese Menschen “ehrenamtlich” tätig sein, nur eben nie durch ein selbstbestimmtes “Tun” etwas verdienen. Alle Ehrenämtler sind Sklaven ihrer Eitelkeiten und verursachen unsäglich viel weitere Sklaverei. Wie bei der Arbeit: Es gibt solche Arbeit und andere Arbeit. Wie sie bewältigt wird oder ob sie bewältigt werden muss: Wieder eine offene Frage. Die Natur wird sie lösen – früher oder später …
Veröffentlicht von Erika am Oktober 19, 2010 um 10:13 am
Ich möchte auf Ihre Anmerkungen und Fragen eingehen. Dass geleistete Arbeit nichts mit Konsum und Schulden zu tun haben, sehe ich anders. Ein großer Teil dessen, was wir durch bezahlte Arbeit erwirtschaften, fließt in den Erwerb von Konsumgütern. In einer Fremdversorgungsgesellschaft ist es anders auch nicht möglich. Ökonomisch gesehen, ist dies gegenwärtig sinnvoll bzw. zwingend, denn das Einkommen, welches die arbeitende Bevölkerung erzielt, wird zurück in den Wirtschaftskreislauf gegeben, eben über den Konsum von Lebensmitteln, technischen Gütern, Luxusartikeln und Freizeitangeboten. Mietzins bzw. Rückzahlungen von Eigenheimkrediten stellen einen weiteren Löwenanteil dessen dar, was wir für unseren Lebensstandard ausgeben.
Daher ist Arbeit zurzeit untrennbar mit Konsum (Güter) und Schulden (Ratenzahlungen für z. B. Hausbau, Autos, Haushaltsgeräte etc.) verbunden. Ohne einen Nachweis, der bestätigt, dass jemand in Arbeit ist, erhält niemand einen Kredit bei der Bank oder einem Unternehmen, bei dem er eine Finanzierung beantragt. Weder Konsum noch Schulden sind ohne geleistete Arbeit möglich. Schulden macht der, der nicht über genügend Eigenkapital bzw. Guthaben verfügt. Die Bank gewährt einen Vorschuss, in der Hoffnung, man möge diesen Vorschuss später auch zurückzahlen. Dass sehr viele Haushalte dennoch überschuldet sind und dass es Menschen gibt, die über ihren finanziellen Verhältnissen leben, wissen wir allein schon aus unserem eigenen Umfeld.
Eine Ausnahme, die Sie nennen, ist das Ehrenamt. Eine solche Tätigkeit, worunter unbedingt auch die Familienarbeit zu verstehen ist – also die unentgeltliche Pflege und Erziehung von Kindern oder alten/hilfebedürftigen Menschen. Immerhin stellen die ehrenamtlich Arbeitenden ein Drittel aller geleisteten Tätigkeiten in unserem Land. Ich bin ebenfalls Ehrenämtlerin, denn da ich ein kleines Kind habe, gehe ich am Nachmittag nicht arbeiten, sondern kümmere mich um meinen Sohn. Es gibt keinen konkreten Auftraggeber. Man könnte sagen, der Auftraggeber ist die Gesellschaft. Diese erwartet von mir, dass ich mein Kind zu einem guten Mitglied innerhalb dieser Gesellschaft erziehe. Viel mehr noch habe ich an mich selbst den Anspruch, meinen Nachwuchs auf die Welt, wie sie ihn später als Heranwachsender erwartet, vorzubereiten und ihm all das mit auf den Weg zu geben, was er benötigt, um sich “erfolgreich” in dieser Gesellschaft zu behaupten.
Wer, wenn nicht ich als Elternteil könnte diese Arbeit besser machen? Und wer würde die Verantwortung in diesem Ausmaß fühlen, wie die Eltern von Kindern?
Abschaffen lassen sich Ehrenämter nicht. Sie sind eine sehr subjektiv empfundene Verpflichtung Menschen gegenüber. Sie haben nichts mit finanziellem Erfolg zu tun. Sicher bedienen sie in manchen Fällen die Eitelkeit (beispielsweise im Vereinssport oder in der freiwilligen Mithilfe bei sozialen Einrichtungen etc.). Wobei auch hier die Frage zu stellen ist, weshalb ein Ehrenamt sich für die Suche nach Selbstbestätigung besser eignen mag, als ein gut bezahlter Job.
Ich bin der Ansicht, dass der gegenwärtige Arbeitsmarkt sehr große Defizite aufweist und die Menschen, wenn sie schon auf dem “ersten Arbeitsmarkt” keine Erfüllung finden, sich diese dann woanders – also im Ehrenamt – suchen. Ich finde das sehr menschlich.
Tatsächlich meine ich mit “Ausmisten” sowohl den materiellen Aspekt als auch den intellektuellen. Indem ich eine persönliche Bilanz ziehe. Diese Bilanz kann so aussehen, dass ich tatsächlich dort einspare, wo es nicht meinem tatsächlichen Bedürfnis entspricht, so viel zu besitzen, wie ich es vielleicht gegenwärtig tue. Das Ziel, das ich damit verbinde, ist sehr persönlich. Ich möchte bewusst mit weniger auskommen (persönlich brauche ich kein neues Handy alle zwei Jahre, ich telefoniere es quasi kaputt, besitze keinen DVD-Player, keine Mikrowelle, keine Digitalkamera, teile mir das Auto mit jemandem, brauche keine Riesen-Wohnung etc.). Mein eigenes Bilanz-Ziehen hat mich insofern überrascht, als dass ich vorher keine so rechte Vorstellung davon hatte, worauf ich eigentlich verzichten kann. Indem ich es ausprobierte, habe ich festgestellt, dass meine Zufriedenheit sich nicht an diesen Dingen festmacht. Ich komme heute mit sehr viel weniger Geld aus, als noch vor zehn Jahren – ein Gefühl von “da fehlt mir was” habe ich dabei sehr selten. Das Bilanzieren muss nicht an einer bestimmten Stelle aufhören, es ist ein Prozess. Da die Menschen verschieden sind, mag diese Bilanz für jeden anders aussehen.
Mein schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt, die durch zu viele Wegwerfgüter permanent belastet wird, erfährt auf diese Weise ein wenig Erleichterung.
Interessieren würde mich im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen, ob der im Unternehmen arbeitende Mensch seine eigenen Wünsche, Erkenntnisse und sein Umweltgewissen stärker in Produktion und Leistung von Firmen einbringen würde.
Veröffentlicht von Dirk Herfurth am Juli 20, 2011 um 10:24 am
endlich findet man mal etwas, was einem so ziemlich komplett aus der seele spricht! bin mal gespannt, was mich hier noch alles erwartet. erika, ich bin verblüfft! …aber irgendwie auch nicht, wenn ich mich an dich erinnere