Der neue Bösewicht!

photo-1469033156481-db2cb560c480

Foto: John Sting  – unsplash.com

 

Wir lieben es, einen Bösen zu verdammen und den ganzen Sturm unserer Empörung und Entrüstung über einen vermeintlich Durchtriebenen zu entfesseln.

Wie immer sagt dies genauso viel darüber aus, wie wir zu uns selbst stehen und was wir über uns denken, wie über denjenigen, der den Shitstorm auf sich lostritt. Die großen medialen und politischen Bühnen eignen sich hervorragend für Kränkungen und Schmähungen aller Art.

Auf den Bühnen fließen die Gut-gegen-Böse Fantasien und sprudeln über

Es werden flammende Kommentare und Reden gehalten genau wie sich zu kühlem Kalkül bemüßigt wird. Alle haben eine Meinung. Die einen wollen den Scheiterhaufen, die anderen eine strategische Lösung. Nur machen sollen das die anderen.

Kaum jemand ist sich zu schade, den Weltbösewichten von heute einen gefühlvollen Film auf youtube oder einen Kommentar in den „Sozialen Medien“ zu widmen. Schön, dass es wieder einmal einen Bösewicht in Reinform gibt. Auf den hat man gerade gewartet, bei all dem Übel auf der Welt. Auf’s Pfundige überrascht sieht man sich plötzlich auf einer Seite sehen mit solchen, mit denen man gar nicht gerechnet hätte.

Die auf der Bühne stehen, haben es schließlich nicht anders verdient, denn auch sie stormen den Shit von da oben herunter. Es wird sich gegenseitig gekränkt was das Zeug hält.

Ob es nützt, ein paar Bemerkungen dazu zu machen? Vielleicht.

Zunächst mal wird dies willkommen geheißen. Die Schimpfenden und Zeternden sind froh, dass es eine derartig exzellente Projektionsfläche gibt. Einem Bösewicht, der auch noch offen böse spricht, den kann man endlich aus Lust beschimpfen ohne sich dabei irgendwie blöd vorkommen zu müssen. Wie vielleicht bei manch anderem, dem man Übles nachsagte, sich aber nicht ganz so sicher gewesen war und derjenige sich nicht so schamlos erdreistete, als Ausgeburt des Bösen zu erscheinen, sondern vielleicht nur in Teilen böse ist. Nun haben wir aber einen Vollblut-Bösen.

Was denken wir, wie dieser Erzfeind die Gewitterstürme der Entrüsteten auffasst?

Denken wir überhaupt darüber nach? Was füttern wir da? Ist es nicht offensichtlich, dass der selbst ernannte Bösewicht genau dies begrüßt? Diese ungebremste Aufmerksamkeit, dieses „alle Augen auf mich“.

Dient man sich nicht damit jemandem an, den man „eigentlich“ gar nicht haben will? Aber ja. Das ist so. Das stürmische Wetter ist doch genau das, was Narzisten brauchen. Es geht dem Drangsalierer runter wie Öl, dieses Gerede und Geschreibe über ihn. Er will es so! Und alle geben es ihm, zeigen’s ihm richtig!

Was für ein fantastisches Ergebnis, allein, den eigenen Namen in die Suchmaschine einzutippen und das Feuer der Buchstaben und Filmschnitte hell lodern zu sehen! Natürlich macht auch der Bösewicht abends seinen Laptop an und guckt, was die Welt über ihn sagt. Oder glauben Sie etwa, der lässt sich nur die guten Schlagzeilen von einem PR-Berater aufsagen? Nein, selbst der böseste Bösewicht hat abends sein elektronisches Gerät auf dem Schoß und speist seinen Masochismus. Das muss man wissen.

Die einen preisen, die anderen verteufeln. Alle auf mich!

Menschen, die wir bisher in Filmen in sensiblen Rollen bewunderten, stehen plötzlich auf dem staubigen Marktplatz der Gerechten und zeigen mit dem Finger auf die Bedrohung. Wenn sogar DIE das machen, dann muss es ja richtig sein! Und der Bösewicht denkt, etwas säuerlich: „Wow, sogar der ist gegen mich. Hätt ich nicht gedacht. Den mochte ich eigentlich immer…“ Etwas krumpelt sich in ihm zusammen.

Denken wir, dass die Schmähungen dem Bösewicht nichts ausmachen? Natürlich denken wir das! Wir glauben ja gar nicht, dass es sich hierbei um einen richtigen Menschen handelt. Wahrscheinlich ist der Geschmähte ein Borg oder etwas anderes alienmäßiges – auf keinen Fall menschlich. Außerdem müsste das Schmerzensgeld doch in jedem Fall ausreichen, um die Urteile und die Hetze mehr als wieder gut zu machen. Nein, überhaupt wird keinem „da oben“ gestattet, sich gekränkt fühlen zu dürfen. Schließlich steht der Obere dort ja ganz freiwillig. Im Licht der Kameras und im Kopf der Zeitungsschreiber – da hat er sich doch ganz selbstgerecht hinpositioniert und eingekauft. Darum runter mit dem Daumen und nicht weiter drüber nachgedacht.

Spieglein, Spieglein…

Wir beschreien in Wahrheit gar keinen realen Menschen, sondern das stereotype Böse, die tausend Prozent reinrassigen Hasses.

Wo ist dieser Hass angesiedelt? Natürlich in uns selbst. Wie kann man sonst derartig engagiert sein, so gefühlsbetont? Die Höllengeburt eignet sich mehr als nur gut dafür, etwas zu beschreien, was in uns seinen Ursprung hat. Das wird nicht gern so betrachtet. Wie? Das Warnen vor dem Bösen ist kein politisches Interesse und auch kein sich dafür einsetzen, dass die Welt ein besserer Ort wird? Ist es nicht legitim, eine „klare Meinung“ über jemanden zu haben, der so offensichtlich ein Verachtenswerter ist? Wenn nicht über den, über wen denn sonst? Es ist viel mehr als nur ein geistiges Zetern und Morden über das eigene so ereignislose und bedeutungslose Leben!

Dennoch. Auf eins kann man sich ganz sicher verlassen: Die Schmähungen und Beleidigungen, der Shit, der wird dem Despoten ganz sicher etwas ausmachen. Da hilft auch kein Hinweis darauf, dass er „das nicht dürfe“ oder „schließlich aushalten müsse“. Der Hinweis verpufft sozusagen ungehört im Raum, denn ich geh jetzt mal davon aus, dass Sie persönlich mit keinem Bösewicht verkehren.

Wenn Sie in einem halben Jahr nicht mehr daran denken, wird der Getroffene alles dafür tun, damit Sie ihn auch ja nicht vergessen.

Derjenige, der sich als die Inkarnation aller Attribute von „böse“ zurechtgewiesen sieht, der wird eine Kränkung in genau der Dimension fühlen, wie es die Suchmaschine an ihn heranträgt. Und die vergessen bekanntlich nichts. Dazu noch alle Kränkungen, die aus den Menschenmengen zu ihm herüber wehen. Und es wird den Bösen zutiefst treffen. Denn das ist eine Dimension von Kränkung, die darf man ruhig „gewaltig“ nennen.

Ob die Kränkung nun eloquent und spitzfindig ihr Ziel findet, ob sie obszön oder billig ist: Jede einzelne wird ihn noch kränker machen, sich peinlich ins Egozentrum bohren und einen großen Effekt haben. Der Getroffene wird als Gegengewicht dazu unbedingt noch mehr „Gutes tun“ wollen. Er wird es nicht wahr haben wollen, das über ihn gesagte Schlechte. Und darum sind alle Kränkungen wie versenkte Treffer, die den Aktionismus, den die Schmähungen vermeintlich so gerne stoppen wollen, noch weiter anfachen werden. Sie machen den Bösewicht noch … böser. Gestoppt werden, ganz ehrlich jetzt? Ist es nicht schön, alle Schuld auf jemanden abladen zu können?

Wie alle, die zutiefst verletzt und gekränkt durch ihr Leben gehen, darauf lauern, dass ihre Würde verletzt wird und die Schlechtigkeit sich erneut bestätigt, geht auch der mediale Bösewicht durch die Welt. Man sieht ihn bloß besser, weil alle auf ihn schauen.

Ein Selbst-Test: Wie reagieren Sie auf Beschimpfung?

Sie glauben das nicht? Überprüfen Sie es bei sich. Wie geht es Ihnen, wenn man Sie beleidigt, einen Arsch nennt, einen, den man davonjagen sollte, einen Stümper, einen Möchtegern? Wie fühlt es sich an, wenn man Sie eine gierige Schnepfe nennt, eine dummdreiste Person, von nichts eine Ahnung? Wenn so etwas hinter ihrem Vor- und Nachnamen in Ihrer Zeitung oder auf Ihrer sozialen Pinnwand oder Ihrem Handy-Display zu lesen wäre? Sie würden es gelassen nehmen, stimmts? Weil, könnte ja sein, dass Sie es verdient haben würden. Aber halt, spalten Sie sich jetzt bitte nicht von sich ab. Es geht gerade um Sie. Natürlich denken Sie nicht, Sie hätten es verdient. Und erst recht nicht würden Sie dies denken, wenn nun Ihr Nachbar käme und zu Ihnen sagte: „Naja, also Matthias, mach dir nichts draus, du verdienst ja immerhin genug Kohle, die die gehässige Schlagzeile wieder wett macht.“ Oder eine Nachbarin Ihnen durch den Zaun zuzischen würde, dass Sie Ihren rassistischen Arsch vom Angesicht dieser Erde tilgen sollen.

Ich meine, hat irgendwer auf Beleidigungen und Schmähungen mit Güte oder Einsicht reagiert? Spontan fällt mir bis auf Jesus oder Buddha eigentlich niemand ein. Wieso wird das von Leuten erwartet, die an der Spitze von irgendwas sind? Aber dass sie so weit gekommen sind, hat eben damit zu tun, dass die Kränkungen wie schwere Steine in einem Katapult wirkten, das den Bösewicht noch weiter nach oben katapultierte. Der Gekränkte hat ein Credo: „Jetzt erst Recht.“

Sie würden nun – derartig beleidigt und gekränkt – …. tja, was tun? Die Ruhe bewahren? Den Beleidigern keine Flanke zeigen? Eine Therapie machen? Der Welt beweisen wollen, dass Sie doch kein so übler Mensch sind? Doch wohl Letzteres, nicht? Letztlich wollen wir alle geliebt und geachtet sein. Auch der Bösewicht will das. Und man könnte sagen: Er will es so sehr und so stark, dass er alles dafür getan hat, um aller Augen auf ihn gerichtet zu sehen, denn so heftig er es auch in seinem Leben schon bekommen hat, es ist nie genug. Der ausgemachte Bösewicht hat dazu ein kränkeres Verhältnis als vielleicht die Menschen, die sich um das Geschrei ohnehin nicht kümmern.

Es ist immer so. Wenn einer einen anderen kränkt – dabei stellt sich überhaupt nicht die Frage nach dem ob zu Recht oder Unrecht – bleibt das Gefühl von Getroffensein immer dasselbe. Wenn narzistische Bösewichte sich der Weltbühne präsentieren, dann wollen sie unbedingt geliebt werden. Sie wollen Bestätigung und jeder, der ihnen eine Kränkung zufügt, muss bewiesen bekommen, zu wie viel Gutem man andererseits fähig ist. Jede, auch Ihre in den Äther gepostete Kränkung ist Wasser auf die Mühlen des Hasses. Kränkung ist für Gekränkte immer das viel stärkere Motiv als das Lob. Würden Gekränkte etwas auf’s Lob geben, könnten sie die Bühne endlich verlassen. Aber Sie sehen selbst wie das ist.

Fragen Sie sich einmal, warum Sie oder ich oder die ganzen Kollegen da draußen eine so starke Projektionsfläche für die eigenen Gefühle wollen. Wie oft Sie sich mit den Stereotypen auf dieser Welt geistig herumschlagen und was es Ihnen bisher eingebracht hat.

Liebe das Böse in dir und es wird gut werden?

Der Böse, der „weg soll“, der sind eigentlich Sie. Ja. Was man empört und mit Herzklopfen von sich weisen will, ist der Teil in jedem, der zu gekränktem Hass fähig ist. Aber es ist leichter, jemanden außerhalb der eigenen Hülle dafür verantwortlich zu machen. Und nun eignen sich die Bösewichte dieser Welt außerordentlich gut dafür.

Ohne die stetige Befruchtung aller, die shitstormen oder die Weltprobleme „bekämpfen“ wollen, hätte es ein Gekränkter schwer. Ohne diese Zurechtweisung von anderen, die einem ihre gekränkte Überlegenheit demonstrieren wollen, würden diese Zahnräder nicht so schön ineinander fassen. Auf den großen Bühnen dieser Welt liegen die größten Kränkungspotenziale. Es bleibt nichts unbeobachtet von einer „Öffentlichkeit“. Echt? Wir sind diese Öffentlichkeit? Haben wir nichts anderes zu fühlen und zu denken?

Wie es aussieht, ruft eine gekränkte Masse einem aus der Masse Hervorstehenden ihre eigene Kränkung zu und fordert: „Hör sofort auf damit, uns zu kränken! Aber nehme unsere Schimpfworte nicht persönlich.“ Aber was können wir schon tun, wenn wir dem Bösewicht persönlich nie begegnen und ihm in einem Vieraugengespräch vielleicht sagen wollten, dass er aufhören soll, böse zu sein?

In die eigene Haut zurückzukehren und zu schauen, was da drin eigentlich möglich ist.

Wäre das jetzt nicht ein geeigneter Zeitpunkt, sich einzugestehen, dass die Projektionsfigur eben unerreichbar für einen ist und es wesentlich leichter wäre, sich des eigenen Körpers bewusst zu werden, der einen Geist in sich trägt. Mit beiden lässt es sich ganz hervorragend zusammenarbeiten, wenn diese Projektionsfigur weggestellt würde, die einem die Hände fesselt und Herz und den Verstand blockiert. Malen Sie meinetwegen Ihren Bösewicht auf Pappe und bewerfen ihn mit Dartpfeilen. Sie werden merken, wie albern das ist und sagen „Danke“ und „Tschüss“ für die Selbsterkenntnis.

Ich werde jetzt mal gucken, wo ich einen leeren Pizza-Karton finde. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gekränkt habe.

 

Sterben ist tödlich!

friedhofHerzlich willkommen liebe Freunde des Grundeinkommens!

Ich sehe mit Freude, dass es nun eine Grundeinkommenspartei gibt, der ich 2017 mein Kreuz bei der Bundestagswahl geben kann. Wie schön, dass dieses Dilemma jetzt für mich ein Ende hat. Denn ich hätte wirklich nicht gewusst, wo mein Kreuz machen. Da das jetzt geklärt ist, heute mal ein anderes Thema. Geht zwar auch um Kreuze, aber nur diejenigen, die auf einem Grab stehen.

Foto: Neil Thomas
Cambridge, UKfinleydesign.co.uk

Dass Sterben tödlich ist, habe ich ja oben schon gesagt. Und dass es sich irgendwie leichter stirbt, wenn man auf dem Totenbett – so man dort bei Bewusstsein liegt – besser nichts bereut, ist auch eine recht klare Sache. Leute mit Grundeinkommen sterben vielleicht besser als solche ohne. Das ist nun eine sehr gewagte Theorie, aber irgendwie muss ich mich ja meinem Thema nähern.

Tatsächlich ist meine Mutter im Alter von sechsundachtzig Jahren im März 2016 gestorben. Sie hat bis fast zuletzt im Schoß der Familie gelebt – so gesehen hatte sie ein Grundeinkommen sowie eine gründliche Versorgung durch die Familie. Die letzten Wochen verbrachte sie allerdings im Krankenhaus. Das ist kein so guter Ort um zu sterben. Jedenfalls habe ich dies so empfunden und werde noch einige Zeit brauchen, um im Frieden damit zu sein, dass die pflegenden Mitarbeiter besser ein Grundeinkommen gehabt hätten. Da ich keinen Hehl aus den positiven Begleiterscheinungen einer solchen bedingungslosen Grundversorgung mache, macht meine Vorstellung eben auch davor nicht Halt, mir auszumalen, was gewesen wäre, wenn. Aber natürlich wäre wohl gar nicht viel anders gewesen, selbst wenn es da schon ein Grundeinkommen gegeben hätte. Jedenfalls nicht für meine Mutter. Sie hatte ein bewegtes Leben und ich kann sagen, dass sie für mich nicht wirklich „weg“ ist, da sie ein so bedeutsamer Teil meines Lebens und meiner Entwicklung gewesen ist. Ein Teil von ihr lebt in mir weiter – sie hat mich zutiefst geprägt. Wir haben uns später etwas mehr geliebt als am Anfang meines Lebens. Na, jedenfalls war es so, dass sie mich immer gleich liebte, ich sie aber erst später mehr liebte als zwischendrin. Jetzt ist die Liebe reif und erwachsen geworden und ich habe sie tatsächlich einholen können und muss nichts in der Beziehung bereuen.

Das Sterben in einem Krankenhaus habe ich mir dennoch genauso vorgestellt wie es in Wirklichkeit gewesen ist. Nicht gut. Zu wenig Zeit für das „Vorher“ und das  „Nachher“ – keine angemessene Sterbebegleitung und keine Totenwache möglich. Ich hatte mir eine Woche frei genommen in den Tagen vor ihrem Tod und war jeden Tag bis zur Schlafenszeit bei ihr geblieben, meine Schwester entlastete ich dadurch ein wenig. Als sie starb- nicht mal drei Stunden später – und das hat bereits die übliche Zeit überschritten – wurde sie aus dem Zimmer in die Pathologie gebracht. Blödes Wort. Pathologie. Ich kam also aus Hamburg definitiv zu spät in Niedersachsen an, um sie noch im Krankenbett zu sehen. Die nächste Gelegenheit war dann die Kapelle.

Vorher aber noch ein Gespräch mit dem Bestatter. Für den wir seine „Kunden“ waren. So ist das. Man ist ganz schön angefasst, wenn die Mutter stirbt. Ziemlich pingelig mit allem. Mit den Pflegerinnen im Krankenhaus, die heulende Töchter auf dem Flur ignorieren und wenig Zeit für Mitgefühl haben. Die Hygiene, die Kittel, die fehlenden Sitzgelegenheiten im Gang, die zum Teil sehr harsche Ansprache an meine Mutter und uns Angehörige. Mit einem Bestatter, der an sein Handy geht, während er mit der Familie Sarg und Todesanzeige durchgeht und sagt, er „rufe später zurück, er sei grad beim Kunden“. Klar, wir sind Tagesgeschäft. Und heute weiß ich: ein Bestatter ist eben kein Theologe oder Philosoph oder Christ oder so, jedenfalls nicht naturgemäß, sondern eigentlich jemand, der zunächst mal einen guten Rücken und kräftige Hände braucht. Leicht war meine Mutter nämlich nicht, das haben auch die Schwestern im Krankenhaus gespürt.

Mit diesem ganzen Sterbegeschäft befasst man sich also dann, wenn es soweit ist. Schön wäre es, wenn ich nicht ganz so geschockt gewesen wäre und das, was ich als normal vorausgesetzt hatte, eben von anderen ganz und gar nicht als normal angesehen wurde. So hat mich der Bestatter doch recht irritiert angesehen als ich fragte, ob ich ihm zur Hand gehen könne beim Herrichten meiner Mutter. Aus irgendeinem Grund ging das nicht, wegen der Hygiene oder so und mein ältester Bruder hat mich angesehen, als hätte ich den Verstand verloren. Ich glaube auch, dass wir einige der Schwestern im Krankenhaus etwas beschämten durch unsere hartnäckigen Nachfragen und dem unausgesprochenen Tadel, mit ihr zu ruppig umzugehen. Manche konnten uns nicht ansehen. Andere schon. Ich saß nun dort und hatte so im Kopf das Bild, wie der Bestatter meine Mutter vom Krankenhaus in seine Räume transportiert hatte und wie er sie wohl behandelt hatte und noch würde? Und trauerte bereits der verpassten Totenwache nach. Ich hätte gern noch etwas mehr für meine Mutter getan.

Wenn Sie schon mal in einer Kapelle einen Toten aufgebahrt gesehen haben, dann wissen Sie, dass man das in so einem Kühlraum sehr schlecht machen kann, über einen Toten zu wachen. Da ist es wie in einem Kühlschrank in lebensgroß und so eng, dass man kaum an der Seite stehen, geschweige denn sitzen kann. Jedenfalls in unserer Kapelle ist das so. Und es ist gruselig da drin. Kein Ort zum Wachen. Ganz und gar nicht.

Also übernahm ich die Aufgaben freiwillig, die man mir gestattete und teilte mir ansonsten die Verantwortung mit meinen Geschwistern. Sehr schön hingegen war das Treffen mit dem Pastor. Der hat sich Zeit genommen und schien auch ein ehrliches Interesse an der persönlichen Geschichte meiner Mutter zu haben. Weil wir in ihm den ersten entdeckten, der herzlich und teilnahmsvoll zugleich war, musste er wohl viel länger bei uns bleiben als angenommen. Wir stürzten uns regelrecht mit Geschichten auf ihn und erzählten ihm sicher auch vieles, von dem er gar nichts wissen wollte. Wir waren so bemüht, dass er in uns die Kinder erkennen konnte, die ihrer Mutter den Respekt geben wollten und die Würde, die sie unserer Meinung nach verdiente.

Wir schrieben also ein eigenes Nachwort und meine Nichte las es in der darauf folgenden Woche bei der Beisetzungsfeier vor. Vor dem eigentlichen Gottesdienst kam die Gemeinde, der meiner Mutter angehörte und es gab ein großes Singen, das eine ganze Stunde (!) dauerte und mir das Herz in der Brust fast sprengen wollte, so traurig und tränenfördernd waren die Gesänge der Frauen und Männer aus der Gemeinde. Es war fürchterlich bewegend und unerhört traurig, denn lieber wäre ich etwas fröhlicher gewesen. Aber alle anderen trauerten so schlimm, da konnte ich mich dem nicht entziehen, es ist wirklich epidemisch auf so einer Beerdigung. Ich glaube, auf meiner eigenen Beisetzung will ich es etwas weniger traurig. Immerhin hat meine Mutter ein langes Leben gelebt und ist in Ehren von uns Kindern behandelt worden. Aber natürlich: das ist nur meine Sicht auf die Dinge und nicht unbedingt die meiner Geschwister und weiteren Verwandten. Selbstverständlich war ich traurig und die Tage danach waren die Hölle. Dass der Tod so schmerzt, ist schon beängstigend. Ich denke auch für meine Mutter war es richtig, dass alle so schluchzten und weinten, denn sie ist eben in dieser Tradition aufgewachsen und darum war es also auch richtig, dass ordentlich geschluchzt und die Wangen genässt wurden. Etwas anderes hätte sie wohl nicht gut gefunden.

Die Leute vom Saal waren auch ziemlich gut. Die haben so ausgesehen, dass sie ihr Geschäft mögen. Tatsächlich lebt die Gastwirtschaft hauptsächlich davon, dass dort das Kaffeekränzchen für die Trauergäste stattfindet und die Bewirtungsleute kennen sich ziemlich gut damit aus. Wir hatten eine überaus kompetente Beratung – die Inhaberin war vielleicht ein bisschen zu bemüht, uns christlichen und psychologischen Rat zu erteilen, aber es zählt der Gedanke und nicht das Geschick.

Ab da hatte ich eigentlich das Gefühl, dass das alles Menschen sind, die mögen was sie arbeiten. Auch die Leute vom Blumenladen um die Ecke und alle, die nun irgendwie ihr Auskommen mit dem Sterben haben. Nun ist der Tod ein besonderes Thema und dabei gleichzeitig ist es leichter zu erkennen, wer liebt, was er tut und wer es nur seines Einkommens wegen tut.

Da passt der Grundeinkommensgedanke nun doch auch irgendwie rein. Oder nicht?

Jedenfalls ist eines ganz sicher: Wir alle werden sterben und es endet immer tödlich. In diesem Sinn: Leben Sie wohl. Ob mit oder ohne Netz und doppelten Boden.

P.S. Mein Bruder sagt immer, dass nur die Lebensmüden aus einem heilen Flugzeug springen. Letztes Wochenende war es dann wieder soweit, dass die Fallschirme am Himmel zu sehen waren. Ich finde meinen Bruder wahnsinnig witzig. Ich habe eine Handvoll Weisheiten und gute Sprüche von ihm. Das war nun einer davon. Andere mögen noch folgen.

P.P.S. und entschuldigt liebe Grundeinkommenspartei, dass meine Bildauswahl nun direkt neben eurem Namen gelandet ist.

Komplexe und simple Gesellschaftsformen

Wo ist es leichter, ein Grundeinkommen einzuführen?

Es wird häufig gesagt, dass ein Grundeinkommen in armen Ländern dieser Erde funktionieren würde, aber in so komplexen Gesellschaften wie Deutschland oder vergleichbaren Technokratien eher nicht. Das klingt einleuchtend. Von daher ist die Frage in der Überschrift eher Rhetorik.

In einer armen, auf Landwirtschaft bzw. Selbstversorgung basierenden Gemeinschaft einen Cash-Transfer zu installieren, bei dem die Menschen dann individuell entscheiden können, was sie mit dem Geld anfangen, klingt sogar ziemlich logisch, wenn man sich mit dem Gedanken anfreundet, dass diese Leute schon wissen, was sie mit dem Geld tun.

Feldversuche (siehe Forschungsergebnisse von Guy Standing) haben gezeigt, dass sich die Lebensqualität in Form von Gesundheit, Bildung und Wirtschaftlichkeit bedeutsam verbessert. Die Teilnehmer schickten ihre Kinder in die Schule, gingen früher und häufiger zum Arzt und starteten ihr eigenes überschaubares Geschäftsmodell, um zusätzliches Einkommen zu erzielen. Gerade diese simple Form des Lebens scheint es zu ermöglichen, in recht kurzer Zeit der Armut zu entkommen. Da sich das Leben der Armen auf die grundlegendsten Bedürfnisse wie die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und einem Dach über dem Kopf beschränkt, hat der Cash-Transfer eine ungleich höhere Wirkung auf sie als auf uns. Der Zugewinn an Freiheit und Unabhängigkeit scheint sich also nur dort zu entfalten, wo die Verhältnisse ohnehin nicht mehr schlechter werden können oder auf einem sehr geringen technischen Standard beruhen. Solchen Menschen, die mit Elend und Armut konfrontiert sind, wäre mit einem Grundeinkommen durchaus viel schneller geholfen. Und da Geld dort ohnehin einen viel größeren Wert hat als bei uns, reicht auch schon eine umgerechnet sehr kleine Summe, um sich um die Finanzierung eines Grundeinkommens keine Sorgen machen zu müssen.

Es liegt darum auf der Hand, dass der Blick auf Selbstversorgungsgesellschaften in Verbindung mit einem Grundeinkommen auf weniger Skepsis und Widerstand bei denjenigen stößt, die sich als Außenstehende und Erste-Weltländer begreifen. Die „entwickelten“ Länder und deren Menschen sind sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass sie in einer absoluten Fremdversorgungsgesellschaft leben und weder die Kenntnisse noch die Fertigkeiten besitzen, die uns manch ein Armer eines abgelegenen indischen Dorfes voraus hat.

Wir sind derartig in das System der Fremd-Versorgung eingebunden, dass ein Kollaps sehr schnell dazu führen würde, uns alle in große Not zu stürzen. Zum Einen leben wir in Städten und Häusern, die an die Wasser- und Energieversorgung der großen Betreiber angebunden sind. Niemand in den entscheidenden Positionen in Wirtschaft und Politik scheint heute ernsthaft auf die Idee zu kommen, dass es so etwas wie sich selbst versorgende Häuser bzw. Wohneinheiten geben könnte, die als einzelne Zellen sowohl ihr Wasser beziehen oder aufbereiten als auch ihre eigene Energie produzieren könnten. Lösungen und Konzepte zahlen lediglich auf das Vorhandene ein: eine zentrale und damit von oben lenkbare Versorgung der einzelnen Haushalte mit bewährten und modifizierbaren Technologien. In den Tagesthemen ist zum Beispiel hiervon nicht die Rede: grüne Architektur „Biophilic Cities

Zurück schauend auf die Hochkulturen unserer Geschichte glauben wir, dass die Nachahmung des römischen Aquädukts bzw. einer zentralen Kanalisation und Wasserversorgung ganz genau das ist, was auch heute unter moderner Architektur und Städteplanung verstanden werden kann – eben nur in anderer Form. Für die Römer und die damaligen Bedingungen mag dies als Inbegriff von Fortschritt und Modernität gegolten haben.

Für unsere heutigen Gesellschaften und wuchernden Metropolen ist aber genau das Big Thinking ein Problem. Die lückenlose Versorgung und der Zwang, ans Netz angeschlossen zu sein, hat dazu geführt, dass wir mit Wasser und den natürlichen planetaren Ressourcen vollkommen irrational und sorglos umgehen. Wenn der Einzelne zwangsweise versorgt wird und sein Beitrag zu dieser Versorgung allein monetär erfolgt, verliert er jede Beziehung zu seinem Verbrauch und dem damit verbundenen Aufwand. Eltern, die das ihren Kindern mühsam beibringen müssen, wissen das.

Die Versorgungssysteme sind nicht auf Sparsamkeit und intelligenten Ressourcenverbrauch angelegt. Sie erfordern gewisse Mindest-Mengen an Wasser, die die Kanäle durchfluten und sie erfordern einen konstanten Energieverbrauch, um die zentralen Systeme und deren Ausbau/Modifizierung weiterhin zu finanzieren oder aber in neue zentrale Lösungen zu investieren. Reduzieren oder Abschalten würde den Systemen darum schaden, auch und gerade deshalb, weil ein Rattenschwanz weiterer Sub-Systeme damit verbunden sind, an die wiederum Arbeitsplätze und Forschung andocken. Es ist eine Komplexität erreicht, die gerade durch den Vergleich mit nicht entwickelten Gesellschaften eine so schöne plastische Veranschaulichung ermöglicht und uns gleichzeitig damit fast zu so etwas wie Verlierern macht.

Die Wasser- und Energiefrage ist jedoch eine, die in die Diskussion auch über ein Grundeinkommen mit einbezogen werden sollte. Wie verhalten sich Menschen, die davon ausgehen können, dass ihre Bedürfnisse nach Energieversorgung gedeckt sind?
Energieversorgung ist gleichzusetzen mit derjenigen Versorgung des indischen Dorfes, die diese Energie noch selbst oder zum Teil selbst aufbringen. Wir tun das nicht. Sollten wir aber – jedenfalls in einer neuen Art und Weise.
Diejenigen, die in dieser Hinsicht ernsthafte Forschung betreiben oder nutzbare Innovationen ins Leben rufen, haben längst begriffen, dass wir uns in den westlichen Gesellschaften auf intellektuellen Luxusfragen ausruhen wie etwa, ob es ein Grundeinkommen geben dürfe oder nicht.

Dabei geht es tatsächlich um drängendere Fragen, nämlich etwa der nach dem voraussichtlichen Point of no return, bei der auch die zentralen Versorgungssysteme an ihr Ende gelangen, da die Aufbereitung von Wasser und Gewinnung von Rohstoffen zur Energiegewinnung den dafür nötigen Energieaufwand nicht mehr rechtfertigen. Auch wenn ich das nicht wirklich weiß oder beurteilen kann, so ist das zumindest ein besorgter Tenor, den jeder für sich selbst interpretieren oder erforschen sollte.

Tatsächlich hat die Komplexität einen absurden Grad erreicht, vor dem nur solche Menschen die Augen verschließen können, die versäumt haben, sich das, was in der Schule nicht unterrichtet wird, selbst anzueignen. Nämlich ein Wissen darüber, wie Kreisläufe auf diesem Planeten funktionieren und das alle Phänomene miteinander in Wechselwirkung stehen.

Fundiertes Wissen über den Lebensraum Erde zu erlangen, sich dafür überhaupt in der Tiefe zu interessieren, scheint wohl nur denen vorzubehalten sein, die dafür einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen dürfen oder es geschafft haben, ihr Know-how wirtschaftlich nutzbar zu machen. Die anderen verharren in bequemer Unwissenheit oder im deprimierten Stadium des „ich kann ja doch nichts tun“.

Komplexität ermuntert also nicht gerade dazu, sich seines individuellen Handlungsspielraumes bewusst zu werden oder gar zu fördern. Man muss scheinbar gegen Dinge ankämpfen, die man weder durchschaut noch von denen man überhaupt irgend eine Kenntnis hat. Es scheint, dass man auf vielen Gebieten überhaupt erst zum Experten werden muss, um in dieser komplexen Umgebung von Handel, Produktion, Technologie, Bürokratie usw. überhaupt einen Ansatzpunkt zu finden.
Es verleitet einen schnell dazu, zu sagen, dass man die ganze Sache links liegen lässt oder aber komplett neue Wege geht, die die komplexen Systeme vollkommen ignorieren. Tatsächlich ist das nur allzu verständlich, denn wenn ich eine Sache nicht verstehe oder nicht mal von ihrer Existenz weiß, dann greife ich das auf, was sich mir erschließt und das ich beeinflussen kann.

Vielleicht ist das überhaupt der einzig gangbare Weg, denn unser komplexes System hat einen Grad der Verselbstständigung erreicht, wo die Stellschrauben Ungewissheit darüber bergen, was an der einen oder anderen Stelle wohl passieren mag, wenn man an der einen oder andere Schraube dreht. Als Beispiel fällt mir der „grüne Punkt“ im Bereich des Recycling ein. Er hat ganz neue Industrien hervorgebracht und welche davon nun schädlich oder nützlich sind, kann ich nicht beurteilen.

Um dieser Komplexitätsfalle zu entgehen, müsste sich zum Beispiel die Regierung eines Landes fragen: Haben wir eigentlich alles, um die hier lebenden Menschen mit Nahrung, Wasser und Obdach zu versorgen? Sie müssten sich das auf Basis alternativer und nicht allein bestehender Systeme fragen. Sie müssten sich dies auf Basis einer wieder in Teilen stattfindenden nationalen, regionalen und lokalen Selbstversorgung und Komplementärwährung fragen. Sie müssten sich das auf Basis von natürlich vorkommenden Ressourcen fragen, die nicht erst mühsam produziert oder herbeigekarrt werden, sondern aufgrund der klimatischen und geografischen Bedingungen ohnehin vorhanden oder leicht zugänglich bzw. reproduzierbar sind. Sie müssten außerdem die bestehenden Systeme auf ihre Sicherheit hin überprüfen können bzw. beurteilen lassen, welche zu gefährlich sind, um diese weiterhin laufen zu lassen.

Es müssten Ökologen, Geologen, Biologen und andere nützliche Berufe oder Disziplinen in diese Frage mit eingebunden werden, die die Beschaffenheit des Bodens, seiner Mineralien, seinen Grad der Zerstörung und der Gesundheit einschätzen können genau wie die Qualität des Wassers und der Flüsse und die Menge an Regen. Es müssten erfahrene Permakultur-Experten (Sepp Holzer) und ökologische Landschaftsdesigner (Tamera Portugal) mit dazu geholt werden, die bereits Expertisen anhand von regionalen und lokalen Projekten vorweisen können – und wenn es sie nicht gibt, müssen solche Projekte gefördert und finanziert werden. Wir müssen davon ausgehen dürfen, dass alle diese Menschen, Experten und Innovativen einen Sinn für ihren eigenen lokalen Lebensraum haben, sich irgendwo verorten oder Wurzeln haben, die sie überhaupt in den Stand versetzen, dass ihre Ergebnisse und vertretene Expertenmeinung zugleich Auswirkung auf ihr eigenes Dasein haben. Schließlich hat sich auch der Münchener Bürgermeister mal gegen die Wasserprivatisierung ausgesprochen, da er selbst von diesem Wasser trinkt .

Die Frage nach der Befähigung zur eigenen Versorgung oder aber zumindest ein umfängliches Wissen wenn schon nicht praktischer, so doch theoretischer Natur zu haben, kann uns insbesondere als Vorbilder für die weiteren Generationen nur nützen. Dass Monokultur Arten zerstört und der Einsatz von Pestiziden das Auslaugen von Böden verursacht, ist doch aber nichts, was nicht jeder halbwegs aufgeklärte Mensch nicht etwa längst mitbekommen hätte.

Und wir streiten ideologisch über ein Grundeinkommen?

Vielleicht kämen dann tatsächlich mehr Menschen dahinter, weniger einer bezahlten Erwerbsarbeit nachzugehen, als sich vielmehr neugierig und motiviert darum zu kümmern, was man eigentlich sonst noch Nützliches tun könnte, um sich wieder als autonom und fähig anzuerkennen. Lebensfähig sein bedeutet, dass man ein Erkennen und eine Sensibilität dafür entwickelt, was der Mensch als vollkommen integriertes Wesen dieses Planeten für ein gesundes und gutes Dasein benötigt – und dafür die richtigen Kenntnisse und Fertigkeiten erwirbt. Eine tiefe und reife Erkenntnis darüber, dass die rein intellektuelle Befriedigung des Geistes und das Erschaffen von Technologie uns nur zum Teil ausmacht. Der andere Teil ist unser Körper, der darauf angewiesen ist, mit den natürlichen Elementen in Kontakt zu treten und keine Barrieren dazwischen zu errichten.

Vor dem ernsten Hintergrund der Ausbeutung von Ressourcen und der Gigantomanie, mit der dieses weltweit und oft abseits unserer Sinne betrieben wird, kann man nur verärgert darüber sein, dass Medien und Politik und alle, die im Mainstream ihr Forum erhalten, so bestürzend kurzsichtig und alternativlos daherkommen. Die Agenda, die allen anderen vorangehen müsste, sollte einem höheren und größerem Ziel gewidmet sein, nämlich dem Raumschaffen für moderne Selbstversorgung im Sinne von permakulturgeprägtem Landschaftsdesign, innovativer Städteplanung mittels Energie generierender Wohneinheiten, der Wiederherstellung biologischer Kreisläufe, dem Implementieren technischer Kreisläufe, in einer Welt, in der alles Ressource ist und nichts „Müll“. Diese Welt hätte immense ökologische und damit in der Folge auch psychologische und soziologische Vorteile zu bieten.

Eine Politik, eine Bildung, die solche Ziele formuliert und sie wirklich ernst nimmt, müsste nicht erst „überzeugen“. Menschen, die daran glauben, dass Autonomie eben nicht primär durch Welthandel und Verschiebung der Kräfte von hier nach dort sondern durch lokale Initiativen und der Teilhabe des größten Teils der Gesellschaft innerhalb der lokalen Zellen, die sich dann zu regionalen, nationalen und auch globalen Zellen ausweiten können, sind einfach klüger als diejenigen, die andersherum denken. Zellen hören dann auf zu wachsen, wenn ihr natürliches Wachstum seine Grenze erreicht hat. Es braucht Intelligenz und ein intelligentes Netzwerk, um zu erkennen, wo der Mensch sich selbst eine Grenze setzen muss.

Es ist tatsächlich der Nostalgie geschuldet, dass „Welthandel“ etwas Romantisches oder gar „Schönes“ sei, bei dem ich in den Genuss exotischer Früchte, Gewürze, Kaffee, Seide oder Teppich komme, die in alten Zeiten noch über die Seidenstraße oder die Ozeane per Holzschiff zu uns fanden. Wir müssen auf diese Dinge aber nicht verzichten, weil etwa der Transport nicht mit einer nachhaltigen Ökologie vereinbar wäre. Wir haben mittlerweile Möglichkeiten, die es zu Zeiten von Kolumbus eben nicht gab: riesige Datenmengen, ein gigantisches Wissen und die Möglichkeit, es jederzeit zugänglich zu machen und auszutauschen. Was hindert uns eigentlich daran, auch im lokalen Raum eine Vielfalt von Arten im Bereich der Pflanzen, Insekten und Tieren zu haben? Kaffee in Niedersachsen – wieso denn nicht? Haben wir nicht Mittel und sowohl technische als auch umweltfreundliche Lösungen, die bereits vorliegen oder aber noch in Archiven schlummern? Sehen wir eigentlich noch, welche wunderbaren Möglichkeiten es vor der eigenen Haustür gibt?

Die politische Agenda von heute, die sich mit Familienfragen, Maut-Gebühren, Produktionsmaximierung bzw. Wirtschaftswachstum befasst, nimmt sich deswegen so lächerlich aus, weil sie noch immer daran festhängt, dass sie an alles die Erwerbsarbeit knüpft: dem heiligen Grahl, dem Mythos einer „sozialversicherungspflichtigen Angestelltentätigkeit“, die längst ein Auslaufmodell geworden und sowohl vom technischen Fortschritt, den tatsächlichen Rahmenbedingungen von Handel und Wirtschaft und den Lebensbiographien überholt worden ist. „Vollbeschäftigung“ oder das Mantra des „Schaffens von Arbeitsplätzen“ wäre für uns alle nur noch die langweilige Wiederholung der Fernsehserie „Denver“ aus den Achtzigern, wäre es nicht so anstrengend und geradezu verpönt oder politischer Selbstmord, das Programm abzuschalten. So einen Selbstmörder sähe ich gern. Medien-Formate, die bloß auf dem alten Konzept von Politikerinterviews oder Talkshows aufbauen, gehören genauso in die Mottenkiste wie die leiernden Reden im Bundestag.

Arbeit gibt es wahrlich genug. Mehr als genug. Es gibt so viel zu tun, dass man eigentlich gar nicht weiß, wo anfangen. Es gäbe so viel zu forschen, zu experimentieren, zu finanzieren und zu reparieren. Am meisten in dem Raum, der einen direkt umgibt. Schließlich sind wir doch trotz aller kosmopolitischen Tendenzen und Reiselust immer noch Wesen, die sich gerne irgendwo verwurzeln, ihre Identität herausbilden oder Familie gründen möchten. Identität gibt es nicht als Weltenbürger. Das ist eine schöne ideale Vorstellung von Menschen, die noch nach ihr suchen. Identität gibt es dort, wo ich direkte Verbindung und Bindung habe. Zu denen, mit denen ich mehr als eine Arbeitsbeziehung pflege, zu denen, mit denen ich im geistigen und professionellen Austausch bin, der mich immer auch persönlich angeht, zu denen, die mir Gefühle entlocken, seien sie nun gut oder schlecht, kritischer oder großzügiger Natur. Und natürlich zu meiner eigenen Geschichte und Kultur, die weiter gelebt und vorgelebt werden und sich verändern kann.

Erst dann, wenn ich eine gefestigte Identität und Zugehörigkeit erlebe und erfahre, kann ich mich als Weltmensch betrachten, als einen, der überall hinpasst, eben weil er zu seinen Wurzeln ein paar Flügel hat, die ihn vor dem Fremden und dem Eigenartigen nicht zurückschrecken lassen, weil er sich selbst in ihm erkennt.

Erst, wenn sich die jeweiligen Verhältnisse in den Millionen von lokalen Räumen verbessert haben, sind Menschen überhaupt dazu in der Lage, entspannt auf das zu schauen, was sonst noch außerhalb ihres Dunstkreises getan werden oder welche Muße oder welchen Luxus man sich erlauben kann oder wo es über den Horizont geht. Natürlich ist das Raumgefühl bei jedem Menschen ein anderes und je nachdem, wie groß sein Radius ist, kann er dort aktiv sein.
Wenn Deprimiertheit, Unzufriedenheit, Angst oder Elend im eigenen Raum überwunden werden können, kann ein Mensch sein volles Potenzial entfalten. Ein Grundeinkommen in einer so komplexen Gesellschaft wie der unseren hätte wahrscheinlich so unerwartete Wirkungen, dass wir uns das nicht vorstellen können. Dennoch ist ein Grundeinkommen nur ein Bestandteil einer Agenda, die das Beste anstrebt und das Beste verlangen sollte, im Sinne eines anständigen Lebens aller Beteiligten im Einklang mit der Natur.

Herr McDonough aus der Cradle-to-Cradle Bewegung hat ein solches Ziel einmal formuliert. Und in meinen Augen sollten sich die Menschen nichts Weniger als das vornehmen:

„Our goal is a delightfully diverse, safe, healthy and just world with clean air, water, soil and power – economically, equitably, ecologically and elegantly enjoyed.“

„Raub in vollendeter Form“

Ich habe mir mal ein paar Zitate aus dem folgenden Artikel in der Weltwoche Nr. 47.13 herausgeschrieben und dazu meine Kommentare abgegeben. Autor ist Samuel Hoffman. Er sagt über das bedingungslose Grundeinkommen:

„Ein­personenhaushalte hätten unter dem Strich weniger und Mehrpersonenhaushalte, in denen nicht alle berufstätig sind, hätten mehr Einkommen als heute – noch immer ange­nommen, dass es sich volkswirtschaftlich um ein Nullsummenspiel handelt, wie dies die Initianten sehen. Der alleinstehende Arbeiter müsste das Grundeinkommen der zu Hause bleibenden Ehefrau seines Kollegen mitfi­nanzieren.“

Das wirft doch eine interessante Frage auf: wieso wohnt denn der alleinstehende Arbeiter zu Hause? Wie viele alleinstehende Arbeitnehmer gibt es denn? Und warum sind sie allein?

Dies führt mich zu der Vorstellung, dass es eine gute Sache wäre, dass dieser Alleinstehende mit einer anderen Alleinstehenden zusammenzieht. Das nennt man auch Partnerschaft. Vielleicht würde man sich dann weniger um die Finanzen streiten, wenn beide keine Angst mehr vor drohender Arbeitslosigkeit und Sinnlosigkeit haben müssten.

„Den potenziellen Gewinnern und Verlierern ist jedoch gemeinsam, dass sie einen grossen Teil ihrer Einkünfte direkt vom Staat und nicht mehr vom Arbeitgeber erhalten würden.“

Aha. Die Arbeitenden erhalten also ihre Einkünfte vom Arbeitgeber. Ist das so? Woher bekommt den der Arbeitgeber das Geld, um die Arbeitnehmer zu bezahlen? Erhält der Arbeitgeber dies nicht etwa über den Umsatz, den er macht? Und wer sorgt für diesen Umsatz? Sind das nicht die Abnehmer, also seine Kunden? Und sind die Kunden seiner Kunden nicht die Konsumenten? Und bekommt ein Unternehmen nicht auch Geld von der Bank? Wo bekommt die Bank denn ihr Geld her?

Und wer ist in diesem Zusammenhang „der Staat“? Ich weiß es: Der Staat würde das Geld nur auszahlen, generiert würde es aber durch die Wertschöpfung bzw. die Konsumsteuereinnahmen. Die von wem kommen? Vom Bürger natürlich. Jedem Einzelnen. Derjenige, der mehr konsumiert, steuert mehr bei.

Wie man es dreht und wendet, man kommt am Ende immer auf den einen, den großartigen, den wahren Akteur allen Schaffens und Seins: Den Konsumenten!

Der Autor sagt: „Auch die gleich teuer bleibenden Importe werden in der Rechnung der Initianten sträflich vernachlässigt.“

So so. Sträflich vernachlässigt habe man dies. Da mogelt sich der Schreiber dann gleich auch noch drum herum, dieser sträflichen Vernachlässigung doch einmal selbst abzuhelfen. Wieso denkt er denn, dass weiterhin alles wie gehabt importiert würde? Wie wäre es denn, wenn gewisse Waren wieder im eigenen Lande hergestellt würden? Wenn doch der Import sich dann nicht lohnte oder zu teuer wäre, würden dann die Leute sich etwa hinsetzen und jammern, dass es nun gar nichts mehr aus dem Ausland zu kaufen gäbe? Oder könnte man sich vorstellen, dass ein paar Unternehmen ob der gesunkenen Lohnnebenkosten nicht etwa zurück an den heimischen Herd geeilt kämen? Ich denke da z. B. an den schönen Zahnersatz, der ja jetzt überwiegend in Rumänien oder in einem anderen Drittklasseland von fleißigen Zahntechnikern zu Gebissen geformt und zu uns geschickt wird. Dann darf auf dem Schildchen auch wieder stehen: „Made in Germany“.

Weiterhin heißt es:

„Die Auswirkungen auf den Wohlstand wären verheerend, und es zeugt von Dekadenz und Ignoranz, diesen einfach als gegebene Grösse zu betrachten. Der immer gleich gross bleibende Kuchen, dessen Stücke man beliebig anders verteilen kann, er ist und bleibt ein Ammenmärchen. Mit jeder staatlichen Inter­ vention wird der Kuchen kleiner. Die Initian­ ten haben von diesem wirtschaftlichen Zu­sammenhang offenbar auch mal gehört und stellen in ihrem Film zur Initiative präventiv die Frage, ob denn die messbare Wertschöp­ fung der Volkswirtschaft allenfalls abnehmen würde. Das animierte Kuchendiagramm, wel­ches das Bruttoinlandprodukt repräsentieren soll, wird daraufhin etwas kleiner, und die Stimme aus dem Off kommentiert: «Viel­leicht.» Doch dann wird von einer wunder­ samen «Dynamik» geredet, die durch das Grundeinkommen entstehen würde, und schon wächst der Kuchen im Film wieder auf seine ursprüngliche Grösse an.“

Wahrscheinlich hastet der Verfasser auch gleich zum Arzt, wenn ihn eine Vision zu überkommen droht. Dass eine solche Dynamik tatsächlich einsetzen könnte, scheint unfasslich, geradezu infam. Dass es beim Grundeinkommen eben nicht um eine „staatliche Intervention“ geht sondern: genau um das Gegenteil, nämlich dass „der Staat“ sich am besten aus der eigenen Lebensgestaltung und Planung heraushalten soll. Wie schön, wenn kein einziger Antrag auf irgendeine „Transferleistung“ gestellt werden, keine Bedürftigkeit nachgewiesen und kein Rentenalter mehr erreicht werden muss. Staat: Ade. Eigenverantwortung: Hallo!

So manch Verzweifelter ist nach solchen Reden wohl allzu bereit, sich solchen „verheerenden“ Folgen auszusetzen.

Nun versteht der Autor auch noch absichtlich etwas falsch, denn er sagt:

„Ein weiterer Eckpfeiler des Films (Grundeinkommen – Ein Kulturimpuls) ist die These, dass die Maschinen immer mehr Arbeiten übernehmen und der Mensch sich deshalb zu­ rücklehnen kann. Es sei an der Zeit, Einkom­ men und Arbeit zu entkoppeln, da uns die Ar­ beit wegen der technischen Innovationen sowieso langsam ausgehe. Das erinnert ein wenig an die angeblich vom Leiter des US­ Patentamtes im Jahr 1899 getätigte Aussage, dass man das Patentamt eigentlich schliessen könne, mit neuen Erfindungen sei nicht mehr zu rechnen, es sei schon alles erfunden. Dem ist entgegenzuhalten, dass wir wahrscheinlich auch zukünftig sowohl mit neuen Erfindun­ gen als auch mit neuen Möglichkeiten für menschliche Arbeit rechnen dürfen.“

Er hat natürlich damit Recht. Ich danke für dieses schöne Beispiel. Dass es  genügend Arbeit gibt und diese uns ganz bestimmt nie ausgehen wird, das hat er wohl auch erkannt, dieser Schlingel. Nämlich im Bereich der Familienarbeit, der Kunst, der Kultur und so weiter.

„Innovationen machen das Leben angenehmer, doch gibt es keinen Grund, sich deswegen auf die faule Haut zu legen.“

Selbstverständlich nicht. Hat denn das jemand behauptet? Ach nein, Entschuldigung, dass ist ja die Annahme des Autors. Die Grundeinkommens-Clique ist vielmehr der Meinung, niemand habe mehr eine faule Ausrede für’s Nichtstun. Gleichzeitig sagt die gleiche Mischpoke, dass Muße und Nichtstun zum Leben dazu gehört und dass erst aus der Langeweile heraus die allerbesten Ideen entstehen. Na, was denn nun? Lieber Herr Hoffmann, das werden Sie wohl selbst herausfinden müssen. Aber natürlich könnten Sie auch dem Vorwurf einer sträflichen Vernachlässigung begegnen. Das wäre dann wohl etwas unangenehm (zuck mit den Schultern).

„Denn es ist davon auszugehen, dass der Fab­rikbesitzer und der Bauer, denen die Maschi­nen letztendlich gehören, ihre Erzeugnisse nicht einfach für Gotteslohn bereitstellen wollen. Sie investieren und produzieren nur, wenn die Käufer im Gegenzug einen anderen realen Wert zum Tausch anbieten können.“

Ja, ich höre Sie. Und von welchem realen Wert zum Tausch sprechen Sie denn jetzt? Geld etwa? Aber ist doch wunderbar, Geld gibt’s dann ja über das Grundeinkommen. Und jeder, der ein bisschen mehr Geld verdienen will, kann das gerne jederzeit tun.

Oder … meinte er jetzt etwa die Arbeitskraft? Hm… das wird dann für den Fabrikanten und den Bauern schon ein bisschen kniffliger. Ich kenn jedenfalls keinen, der Lust hat, für Monokultur, Massentierhaltung oder am Fließband zu schaffen. Ach, das müsste man dann besser bezahlen? Je nun. Wäre ja auch nur gerecht.

„Denen die Maschinen letztlich gehören.“ Hm. Letztlich. Und erstlich? Woraus werden denn die Maschinen hergestellt? Aus Metall? Und woraus gewinnt man das Metall? Aus unserer schönen Erde vielleicht? Und wird die Erde dann mit irgendwas dafür entschädigt, dass sie einem so wertvolle Sachen schenkt? Ach, ich Dummerchen. Die Erde gehört natürlich schon irgendjemandem. Den Gutmenschen, die sich ein großes Stück Land gekauft haben, das zuvor von jemandem gekauft wurde, das davor durch jemanden in Besitz genommen wurde, um darin nach Bodenschätzen zu buddeln. Die verjuxen sie dann an andere, die diese Schätze dann veredeln. Stahlwerke und so. Sowas gibt’s ja bei uns auch kaum noch. Gewinnt man mit anderen Maschinen und vielen hurtigen Arbeitern irgendwo außerhalb des Gesichtskreises von Herrn Hoffmann. Irgendwelche Hungerlöhner bauen das alles dann schön zusammen. Und der Bauer und der Fabrikant haben dann eine Maschine. Die ihnen „letztlich gehört.“ Stimmt ja irgendwie auch nicht immer. Meistens gehört alles sowieso der Bank. Aber nee, das Fass mach ich jetzt nicht auf.

Wahrlich, ein Schöngeist ist dieser Verfasser nicht. Zum Schluss bringt er noch ins Spiel:

„Es ist rich­tig, Bedingungen zu stellen. Die Redewen­dung «Wer zahlt, befiehlt» mag zunächst herzlos klingen, verkörpert aber das urliberale Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Das Gegenteil davon, «Zahlen, aber nichts zu sagen haben», ist schlicht nur noch Raub in vollendeter Form.“

Ähm, es klingt nicht nur herzlos, es ist herzlos, guter Mann! Und seit wann ist das ein „urliberales Prinzip“? Da kenn ich ganz andere Liberale oder libertäre Akte, ich bin so dreist und erwähne die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Namen und Größen gäbe es da auch ansonsten viele aufzuzählen. Sie kommen natürlich nicht aus den Reihen der FDP, sondern sind entweder schon tote Philosophen, Menschenfreunde oder in keiner Partei.

Also echt jetzt. Hätte es zu diesem Artikel Leserkommentare gegeben, wäre ich, wie so oft der Meinung gewesen, die Leserschaft sei erstens kompetenter, zweitens besser informiert und drittens tiefer mit dem Thema befasst, als der Autor selbst.

Vom Behördenirrsinn und verlorenem Potenzial

Wer keine Kinder hat, im „Genuss“ einer Arbeit im Vollzeit-Angestelltenverhältnis ohne Befristung ist, mit keinen gesundheitlichen Problemen zu tun bekommt und noch weit vom Rentenalter entfernt ist, der wird das Folgende nicht nachvollziehen können.

Der Status. Ohnedem geht nichts.

Jeder Bürger der Bundesrepublik Deutschland hat seinen Status. Damit ist zunächst mal gemeint: ist er in Arbeit oder nicht? Wer keine Arbeit hat, meldet er sich arbeitslos. Und kommt entweder in den Bezug von ALG I oder II. Kann der Mensch nicht arbeiten, zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung, dann ist sein Status: „krank“. Somit kommt er in den Bezug von Leistungen vonseiten der gesetzlichen Krankenversicherung.

Ist eine Familie gegründet und kommen Kinder ins Spiel, so kommt der Status „Eltern“ dazu.

Ist jemand erwerbsunfähig oder berufsunfähig, so wechselt er – bei Langzeiterwerbslosigkeit – den Status von „krank“ oder „langzeitarbeitslos“ zum Status „Rentenbezieher von Erwerbs/Berufsunfähigkeit“. Und so weiter.

Alle diese staatlichen Leistungen müssen bei den entsprechenden „Leistungsträgern“ beantragt werden. Daraus entstanden die unterschiedlichen Behörden: Agentur für Arbeit, Jobcenter, Familienkasse, Krankenversicherung, Rentenversicherung usw.

Dem angegliedert wurden dann Behörden wie etwa die fürs Wohn- oder Elterngeld.

Prinzip Knausern und Verweigern

Jede einzelne dieser Behörden haben unterschiedliche Berechnungsgrundlagen und Bemessungszeiträume für die Leistungen. Die Verwaltung der Versicherten bzw. Anspruchsgruppen erfordert ein hohes Maß an Energieaufwand. Keine der Behörden betreibt eine offene Informationspolitik bzw. gilt hier nicht der Grundsatz der Großzügigkeit sondern es gilt, die Höhe und Dauer der Leistungen den Antragsstellern weitestgehend minimal und für eine möglichst kurze Bezugsdauer zu gewähren. Zudem sind die Behörden daran interessiert, ihre Zuständigkeit nach Möglichkeit auszuschließen.

So gibt es zum Beispiel beim Kinderzuschlag einen relativ kleinen Rahmen, innerhalb dessen dieser überhaupt gewährt wird. Der Rahmen nennt sich gesetzliches Mindest- und Höchsteinkommen. Kinderzuschlag und Wohngeld kann nur von denen beantragt werden, die erwerbstätig sind. Diese Leistung ist an eine nicht vorhandene Hilfebedürftigkeit geknüpft. Verdient also jemand zu wenig und stellt die zuständige Behörde dies fest, so muss der Bezieher von Wohngeld/Kinderzuschlag seinen Status wechseln und sich arbeitsuchend melden, um weitere Leistungen, nämlich dann ALG II (also Hartz IV) zu erhalten. Da man vorher ggf. nicht wissen kann, wie viel man im Leistungszeitraum (sechs Monate) verdient, weil man beispielsweise selbstständig ist, so kann das Ganze dann in einer unangenehmen Rückforderung der Leistungen münden.

Vom Jobcenter aus wird dann darauf hingearbeitet, diese Form der Hilfebedürftigkeit zu beenden, indem der Leistungsbezieher nach Möglichkeit in eine sozialversicherungspflichtige Arbeit „vermittelt“ wird bzw. sich eine solche sucht. Mir ist kein Fall bekannt, wo die Rückforderung von Kinderzuschlag dazu führte, dass die Zuständigkeit des Jobcenters rückwirkend greift, da Leistungen nur ab Tag der Antragstellung gewährt werden. Das ist hier auch nicht von Belang, es geht vielmehr darum, den hohen Verwaltungsaufwand darzustellen und den Sinn der Vorgehensweise in Frage zu stellen.

Du bist zwar speziell, aber wir rechnen nicht mit dir

Das bedeutet, dass der Staat jeden seiner Bürger dazu zwingt, sich eine Arbeit zu suchen, die seinen Lebensunterhalt in voller Höhe sichert UND – das ist der springende Punkt – die Beitragszahlungen in alle drei Versicherungssysteme gewährleistet (Kranken/Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung). Solche Erwerbsarbeit, die dieses garantiert und aufstockende Leistungen unnötig macht, soll angestrebt werden.

Nun wissen alle, dass solche Arbeit (Vollzeit bei voller Versicherungspflicht) weder von allen angeboten noch von allen gewollt wird. Da sind einerseits die Unternehmen, die die Zahlung von rund der Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge für ihre Mitarbeiter nach Möglichkeit vermeiden wollen, da sind andererseits die Beschäftigten selbst, die entweder in Teilzeit arbeiten möchten und/oder mehrere Jobs bzw. Mischformen von Arbeit eingehen. Minijob kombiniert mit Freiberuflichkeit, zwei Minijobs gleichzeitig, Freiberuf allein, ein Angestelltenjob kombiniert mit Selbstständigkeit und so weiter. Nun erfüllt keine der genannten Erwerbsarbeiten mehr den günstigen Umstand einer relevanten Beitragszahlung in die gängigen Sozialversicherungssysteme oder kaum.

Das Problem ist, dass das Heranziehen der Bemessungsgrundlagen und Zeiträume für den Bezug der verschiedenen Leistungen nun mal weder individuell geregelt ist, noch geregelt werden kann. Da die beruflichen Biografien der einzelnen Menschen mittlerweile so divergieren und es immer weniger lineare Werdegänge gibt, fallen viele Antragssteller von Leistungen durch das Einheits-Raster. Es kommt zu persönlichen Nachteilen bei der Berechnung und Auszahlung von Leistungen.

Wir wissen, dass du zu wenig weißt

Nehmen wir allein das Elterngeld. Dort wird als Bemessungszeitraum das Einkommen der letzten zwölf Monate vor der Geburt des Kindes herangezogen. Nun kann es ja aber sein, dass jemand in dieser Zeit überwiegend selbstständig gearbeitet hat und nicht nur wenig verdient hat, sondern sogar einen Verlust oder plus minus null gemacht hat. Was dann? Weicht man dann etwa auf das vorvergangene Jahr aus, bei dem der Verdienst gestimmt hat und als Grundlage für das Elterngeld angemessener wäre? Natürlich nicht. Das ist dann Pech. Man bekommt im schlechtesten Fall die Mindestsumme von dreihundert Euro pro Monat. Es wäre natürlich gerechter, in solchen Fällen den Bemessungszeitraum zu verlängern, um die reale Situation des Betroffenen zu berücksichtigen. Das würde die ganze Angelegenheit natürlich noch mehr verkomplizieren, denn ohnehin ist der Antrag, die beizubringenden Nachweise und Dokumente ein mühsames Verfahren. Dem voran eine ebenso aufwändige Antragstellung auf Mutterschaftsgeld mit all den Bedingungen, Einschränkungen und zu suchenden Ausnahmen vorangeht. Selbst bei vorhandenen Ausnahmen, werden diese einem von der Behörde nicht freizügig mitgeteilt, sondern es wird die Sache verschwiegen bzw. ausgesessen. Weiß der Antragsteller nichts von diesen Ausnahmen, so gilt das Ganze „wie beantragt“.

Es ist mittlerweile so, dass die Einzelschicksale keine Homogenität mehr aufweisen, doch genau das braucht aber das bestehende System; es lebt quasi davon. Es ist nicht in der Lage, auf jedes einzelne Schicksal bzw. jede berufliche Veränderung, die sich im Vorwege der Antragsstellung ergeben hat, Rücksicht zu nehmen. Das System funktioniert nur über Gleichheit. Die haben wir aber längst nicht mehr.

Das System braucht feste Arbeitsverträge und feste Arbeitszeiten. Die in dem System lebenden Menschen können dies aber nicht mehr mehrheitlich bedienen. Entweder weil sie nicht können aber auch, weil sie nicht wollen.

Der Irrsinn, der mir in der Sozialberatung begegnet, ist kaum zu überbieten. Die einzige Chance, sich vom System unabhängig zu machen, wäre, so viel zu verdienen, dass man bei niemandem mehr einen Antrag zu stellen hätte.

Wie kommt man aber an diese gut bezahlten Jobs?

Durch die Verlagerung der Produktion ins Ausland und Technisierung/Rationalisierung sind viele Arbeitsplätze hierzulande verschwunden oder haben sich verändert. Die Schere, die sich hier aufgetan hat, ist deutlich zu spüren. Es werden zwar zu Tausenden Leute gesucht – zum Beispiel im Bereich der ungelernte Arbeiten, wie etwa bei Reinigungsfirmen und der Produktion von Massenartikeln oder bei sehr speziellen Fach-Tätigkeiten, dann sind in der Regel ein Studium oder ein Hochschulstudium Voraussetzung. Oder aber es handelt sich um Branchen, die wegen ihrer schlechten Bezahlung oder Arbeitsbedingungen für kaum jemanden attraktiv sind, wie etwa im Krankenhaus oder in der Altenpflege. Diese mittlerweile zu Industrien und gewinnorientiert verkommenen Arbeitgeber klagen alle gerne über ihren Fachkräfte- oder Arbeitermangel.

Was ist mit solchen Menschen, die einen Wechsel in ihrer Arbeitsbiografie unternehmen wollen? Wie etwa von der Medienbranche, in der lange Arbeitszeiten und hohes Engagement gefragt sind, hin zu etwas Neuem. Weil man zum Beispiel eine Familie gegründet hat, nicht mehr dem Trend folgen will, sich zu alt fühlt oder eine neue Identifikation sucht?

Dass Leben Veränderung bedeutet, dem tragen die Systeme keine Rechnung. Weder das Sozialversicherungssystem noch die Wirtschaft selbst. Sie verlangt einerseits eine Top-Ausbildung und Erfahrung, andererseits Menschen, die für sehr wenig Geld unliebsame Arbeiten erledigen.

Doch von welcher Erfahrung reden wir hier eigentlich? Ist jemand, der seit Jahrzehnten im Berufsleben steht, etwa unerfahren? Welche Ressourcen und Kompetenzen bringt so jemand mit, wenn er sein Fachgebiet wechselt? Wieso ist die Erwachsenenbildung so beschränkt und wieso öffnen die Unternehmen nicht ihre Türen für Menschen, die ein geäußertes Interesse an einer beruflichen Veränderung bekunden? Dort, wo Staat und Wirtschaft miteinander verschränkt sind, scheint es am schlimmsten zu sein.

Wieso werden Unternehmen erst aktiv, wenn sie einen Mangel spüren? Warum bilden Unternehmen überwiegend junge Auszubildende aus und nicht auch Erwachsene? Warum wird eigentlich so unglaublich viel Flexibilität und Veränderungsbereitschaft vom Arbeitnehmer erwartet und nicht ebenso viel Beweglichkeit vom Unternehmen selbst bereit gestellt? Ich bin sicher, dass sich das alles bald ändert.

Mein eigenes Beispiel habe ich hier einfach – weil mich das Thema sehr bewegt – als Kommentar eingefügt.

Arbeiten für den Konsum

Was ist Arbeit?

Diese Frage wurde hier bereits häufiger besprochen. In der BGE-Debatte ist sie ein zentraler Bestandtteil und wird immer wieder aufgerollt.

Dazu ein Auszug aus der Arbeit von Robert Pawelke-Klaer- „Das unbedingte Grundeinkommen“ (Pawelke@marktlehre.de):

„Keine Almosen zu empfangen, sondern etwas geben zu können, sich seinen Lebensunterhalt im wahrsten Sinne des Wortes zu verdienen, das ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen. Der „träge und faule Mensch“ hingegen ist lediglich eine Erfindung des
Kapitalismus. Das Menschenbild vom „faulen Menschen“ ist der Zwillingsbruder des homo oeconomicus, der nicht genug kriegen kann. Sinnlos viel tun, heißt noch lange nicht, fleißig zu sein. Dem Wunsch „bedingungslos“ geben zu können, würde ein „bedingungsloses“ Grundeinkommen entgegenkommen, nicht ohne Versuchungen. Allerdings würde dies den Kapitalismus aushebeln, der von der Vorstellung lebt, man müsse den Menschen zwingen, zu geben (zu arbeiten), während der Kapitalismus selber bemüht ist zu nehmen, wo immer sich eine Gelegenheit bietet, weil man von seiner Arbeit nicht reich werden kann, sondern nur indem man sie oder die Waren teuer verkauft, was nichts anderes heißt, dass der Verbraucher den Reichtum zahlt.“ Weiterlesen

Sie haben Post!

Frankfurt, den 01. Oktober 2010

Aktenzeichen XY, No. 40.385

Sehr geehrter Versicherter,

leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Prüfung Ihres Falls ergeben hat, dass die Bedingungen nach Paragraph 123, Abs. 1, Abschn. 3 nicht erfüllt wurden.  Bedauerlicherweise sind die Anspruchsvoraussetzungen für die Inspruchnahme Ihres am 12.04.1986 abgeschlossenen Rechtshaftschutzpräventionsvorsorgefonds nicht in allen Teilen von Ihnen erbracht. Aus diesem Grund können wir keine Geldleistung gewähren. Bitte haben Sie Verständnis für diese Entscheidung und nehmen Sie Abstand von weiteren Versuchen, unsere Leistungen beanspruchen zu wollen.

Als Zeichen unseres guten Willens jedoch und aus Gründen der Aufklärung, genau wie aufgrund der von uns permanent durchgeführten Trendforschung und den daraus resultierenden Ergebnissen kamen wir zu dem Schluss, dass eine offene und ehrliche Kommunikation gegenwärtig hoch im Kurs steht. Tage der offenen Tür und unsere Beteiligung innerhalb der lokalen Strukturen, genau wie unser Engagement für den Erhalt des tropischen Regenwaldes motivieren uns darüber hinaus, offen zu sein: Es erstaunt uns, dass Sie wirklich glauben, sich gegen Feuer, Wasser, Blech- und Sachschaden sowie Tod, Krankheit, Alter und Verwahrlosung, gegen Einsamkeit und Arbeitslosigkeit, gegen Diebstahl und Demütigung, gegen Falschheit und Betrug, gegen kosmetische und medizinische Irrtümer, gegen Schmerzen und Leid, gegen Mittellosigkeit und fehlende Freundschaft absichern zu können.

Es steht Ihnen jederzeit frei, diesen Vertrag zu kündigen und sich fortan selbst um Ihre Belange zu kümmern. Wir geben Ihnen die einmalige Chance, die Verantwortung für Ihren Leib, Ihre geistige Gesundheit und die Ihrer Mitmenschen sowie Ihrer Besitztümer zu übernehmen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die uns entstandenen Kosten in Verbindung mit dem Vertragsabschluss und der zu erhaltendenden Infrastruktur unseres Unternehmens im Falle Ihrer Kündigung nicht in die Rückerstattung Ihrer Versicherungsbeiträge münden können. Die derzeitige Finanzkrise hat zudem unsere nicht vorhandenen Rücklagen vernichtet. Da wir ohnehin nur im Falle des Eintritts eines Riskos haften, weisen wir darauf hin, dass wir stets bemüht sind, diesen Eintritt niemals stattfinden zu lassen. Damit dienen wir dem Gemeinwohl der gesamten Versicherungsgemeinschaft.

Es grüßt Sie hochachtungsvoll

Ihre Versicherung