Das Zeitalter der Arbeitsbeschaffung

 

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Photo by Clark Young on Unsplash

Die Frage lautet nicht „wird uns die Arbeit ausgehen?“, sondern „was fange ich mit meinem Leben an, bei dem bereits gegenwärtig die Arbeit ausgegangen ist?“

Ich lebe in einem Land, wo Arbeit „geschaffen“ wird. Das sollen die Unternehmen tun: Arbeit schaffen. Fordern zumindest die Politiker. Dass dies aber bereits längst der Fall und „Arbeit“ eine Konstruktion ist, eine geistige Einbildung, das sehe ich so.

Wir leben längst in einer gigantischen Arbeitsbeschaffungswelt.

Wir haben in meinem Land mehrheitlich Berufe, die mit Kopfarbeit zu tun haben und die wir mittlerweile unter Zuhilfenahme der Technik ausüben. Die Berufe, die unter den Arbeitsbegriff fallen, haben damit zu tun, etwas zu finden, das ersetzen soll, was in meiner Republik niemand mehr macht: Sich selbst versorgen, mit Nahrung und Obdach.

Seit wir keine Selbstversorger mehr sind, geht uns die Arbeit aus und wir erschaffen daher permanent neue. 

Der Begriff „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ war eine Zeitlang populär, wird aber nicht mehr genutzt. Vermutlich, weil es zu offensichtlich ist, dass diese nur der Beschaffung von Arbeit dient, aber im Grunde sinnlos und häufig sogar schädlich ist. Heute spricht man daher kurz nur noch von „Maßnahme“ – gemeint ist aber natürlich noch immer die Arbeitsbeschaffung.

Arbeitsplätze: das sind Orte, die wir physisch aufsuchen, um etwas zum Tun zu haben. 

Die Unternehmen produzieren und erschaffen Waren und Dienste, die einen Ersatz für das Materielle (biologische Ernährung) und Intellektuelle (geistige Nahrung) sind. Die Materie für die Massenproduktion entnimmt das Unternehmen dem Planeten, von dem es die Materie kostenlos erhält. Jedenfalls so lange es sich in den eigenen Grenzen aufhält. Etwa die Ressourcen, die es für die Gewinnung von Stahl benötigt hat. Dort, wo das Unternehmen die planetarische Ressource nicht umsonst bekommt – über die eigene Grenze hinaus – geht es mit den Regierungen oder Landeigentümern einen Handel ein, bezahlt also dafür, sich der Materie zu bemächtigen.

Da wir in meinem Land kaum noch nennenswerte Materie vorfinden, weil die Menschen sich auf seiner Oberfläche befinden oder der Raum anderweitig besetzt ist (technische und biologische Strukturen unterbrochen von Verkehrswegen), verlagerte sich die Produktion und Großindustrie ins Ausland, wo es mehr Materie und weniger bevölkerte Gebiete und dafür mehr Bauern gibt. Für uns hier blieb übrig, neue Arbeit zu erschaffen. Mit welcher Selbstverständlichkeit heute niemand mehr Bauer werden will, hat vermutlich damit zu tun, dass wir die Geschichte immer aus der Sicht der Nichtbauern überliefert bekommen.

Tendenziell halten wir nichts vom Bäuerlichen, umso mehr vom Bürgerlichen und neuerdings vom Wissens- und Weltenbürger. 

Das Bäuerliche wird und wurde verachtet, weil es – so das Vorurteil – nicht viel Intelligenz braucht, um Lebensmittel zu erschaffen. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Als Wissensbürger verstehen wir davon aber sehr wenig, weil „Bauer sein“ mit körperlicher Arbeit assoziiert und die reine körperliche Tätigkeit mit Dummheit gleich gesetzt wird.

Trotzdem beharren wir aber auf guten Lebensmitteln. Wir beharren so sehr auf gesunde Lebensmittel, dass wir das Bio-Siegel erschaffen haben.

Nun leben wir mit der „Bio“-Illusion.

Aber natürlich ist  – wie wir leben und wo wir leben – auf der Illusion von Arbeit aufgebaut. Konsequent wäre, wenn ich nicht von einer „Arbeit“, sondern von einem „Einkommen“ spreche. Die Frage müsste darum auch nicht lauten: „Was machst du beruflich?“, sondern „was machst du, um ein Einkommen zu haben?“

Ich lebe anscheinend in einem Land, in dem die Menschen damit einverstanden zu sein scheinen, dass ein Einkommensplatz etwas Gutes ist. Wir sollten dann aber die Sprache der Realität anpassen.

Es sollte nicht „Arbeitslosigkeit“ heißen, sondern „Einkommenslosigkeit“.

Jedenfalls haben alle unfassbar viel Zeit gewonnen dadurch, dass sie sich selbst nicht mehr versorgen. Dies wird so angenommen und scheint eine Art Allgemeinwissen zu sein, weil die Bauern wohl an die zwanzig Stunden pro Tag dafür gearbeitet haben, dass andere etwas zu Essen bekamen. Ob dies nun so undifferenziert so stehen bleiben darf, wage ich zu bezweifeln. Machen Sie die Differenzierung bitte selbst.

Zeitgewinn scheint demnach etwas Begehrenswertes zu sein. Aber auch das ist eine Illusion.

In Wahrheit wollen wir keine Zeit, sondern Sinn gewinnen.

Weshalb sonst wollen alle im „Feierabend“ etwas Schönes machen? Da wir aber in der Fremdversorgung wenig Sinnhaftes finden, gibt es entweder ein Hobby, welches den Körper glücklich macht oder eines, welches den Geist beflügelt. Glücklich, wer die Kombination aus Beidem möglich macht. Nach der „Arbeit“ – oder besser gesagt, nachdem wir unseren Einkommensplatz für ein bestimmtes Stundenkontingent besetzt haben – möchten wir uns wohlfühlen. Doch das Wohlfühlen ist nicht das Nichtstun, auch wenn viele behaupten, dass die meisten anderen „nichts tun“ wollen würden oder das sogar von sich selbst annehmen. Nichtstun: das ist nicht mit Müßiggang zu verwechseln, bei dem ein Mensch sich inspirieren lässt; entweder durch sein eigenes geistiges träges Umherschweifen und sich dem Ergeben in die Langeweile oder aber durch das Anschauen dessen, was ihm Inspiration verschafft.

Vor dem Schlafengehen haben wir alle noch mindestens Zeit für einen Film oder drei Folgen unserer Lieblingsserie.

Es wird gesagt, die Menschen, die vierzig Stunden plus arbeiten und dann noch die Wegezeiten abziehen, haben keine Zeit mehr für ein anderes Leben, keine Zeit, sich mit alternativen Konzepten auseinanderzusetzen. Das ist natürlich Unsinn. Die Zeit wäre schon vorhanden – allein, wenn man den abendlichen Film oder die Serie weglässt – nur nicht die Energie. Wenn ich nach nur zehn Stunden eines Tages so erschöpft bin, dass die restlichen 14 Stunden dafür verwendet werden müssen, um mich zu entschädigen und zu erholen, dann stimmt natürlich etwas nicht.

Genauso ist es, wenn Menschen einkommenslos sind. Die Suche nach einem neuen Einkommen ist derartig erschöpfend und kraftraubend, dass plötzlich die viele freie Zeit bedrohlich wirkt. Die fehlende Identität mit einem Einkommensplatz und die psychologische Abwertung ohne ein solches Einkommen, die beängstigende Selbstbestimmung über die Tagesstruktur: Ein Riesenthema. Hieran erkennen wir, dass wir nicht nur fremdversorgt werden sondern auch fremdstrukturiert.

Die Tagesstruktur selbst zu bestimmen: Das ist nicht unbedingt ein Problem, wenn ein Einkommensplatz vorhanden ist, doch sobald der wegfällt, tut sich ein großes Loch auf.

Glücklich der, der auch ohne Arbeitsplatz-Einkommen und ohne fremde Struktur nicht verrückt oder eingeschüchtert wird. 

Ohne eigenes Einkommen, abhängig vom Einkommenslosengeld (ELG I oder ELG II) seine Tage sinnvoll zu verbringen und dabei die Freunde und die Familie nicht zu belügen: ein mutiges Kunststück. Ein lohnendes Experiment, würde ich meinen. Ein aussagefähiger Selbsttest.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten ist schwierig, wenn man es nicht selbst mal probiert hat: ohne sich um die Fremdeinwirkung der anderen zu kümmern einfach eine Weile einkommenslos zu sein und sich damit zufrieden zu fühlen. Also so zu tun, als würde das ELG I oder II bereits bedingungslos sein.

Ich war in meinem Leben häufiger ohne Einkommensplatz.

In dieser Zeit fühlte ich mich befreit wie befangen gleichermaßen. Mich um einen neuen Einkommensplatz zu bemühen, beschwerte mich und setzte auf der anderen Seite schöpferische Kraft frei. Ich experimentierte mit Bewerbungsanschreiben, präsentierte mich bei Personaldienstleistern und erfreute mich an Ergebnissen, die mich keinem Schema zuordnen ließen. Es machte mir Freude, mit Sprache und Anreden zu experimentieren, die künftigen „Arbeitgeber“ mit denselben Methoden und Strategien zu behandeln, wie sie es für sich beanspruchten und zu schauen: Wie reagiere ich und wie reagieren die anderen darauf? Ich testete mich danach, ob ich gerade das sage, von dem ich denke, dass der andere es hören will oder ob ich den Mut habe, authentisch zu bleiben und gleichzeitig die Diplomatie nicht zu verletzen. Ich bewarb mich auf Stellen und stellte mich auch dort vor, wo ich nicht wirklich zu arbeiten gedachte: um zu sehen, ob man mir einen Einkommensplatz anbieten würde oder nicht.

Die Zeit ohne Einkommen war für mich noch in jeder Hinsicht die lehrreichste.

Ich hatte mit meinen Ängsten zu tun, damit, mich zu fragen wie lange ich optimistisch bleiben würde oder wie lange die Zeit ohne Einkommen gehen müsste, bevor ich zermürbt wäre? Ein Teil von mir begrüßte das Experiment, der andere fürchtete sich, abzusteigen, weniger Wert zu sein als noch vorher, zu der Zeit, als ich einen Einkommensplatz besaß.

Was sagt dies über mich? Vielleicht – um beim Thema dieses Artikels zu bleiben – dass ich weiß, dass es um Arbeitsbeschaffung gegangen ist. Und ich das nicht immer so ernst nehmen will. Weil ich mich nicht selbst versorge, fehlt es mir in der Tat manchmal, diese vielen Arbeitsbeschaffungen ernst zu nehmen. Dabei handeln und denken viele im tödlichen Ernst. Wenn ich allein an die Begriffe „Wettbewerb“ und „Wirtschafts-Ranking“ denke, daran, „welchen Platz Deutschland auf der Welt einnimmt, um seinen Wohlstand zu erhalten“. Die Leute sind zum Teil so wahnsinnig mit der Beschaffung von Sinn in ihren Einkommensplätzen bemüht, dass sie sich leider nicht auf lokale Angelegenheiten beschränken – was ihnen zweifelsfrei besser anstünde – und sich stattdessen auf „Entwicklungs- und Schwellenländer“ konzentrieren:

Saurons ruheloses Auge lässt grüßen.  

Dabei sind die Entwicklungsländer psychologisch betrachtet unsere Projektionsfläche, da wir uns nicht gerne im Spiegel ansehen und sagen: „Verdammt, mein Einkommensplatz ist sinn- und wertlos. Womit ich mein Geld verdiene, das braucht kein Mensch.“ Denn tatsächlich ist es so: Nichts von dem, was wir in Massen produzieren lassen und kaufen, braucht irgendwer wirklich. Es ist Arbeitsbeschaffung, um überhaupt etwas zum Tun zu haben. Wer immer noch glaubt, die meisten Menschen würden am liebsten den ganzen Tag nichts tun, hat was ganz Wesentliches nicht begriffen: Das ist eben genau das nicht, was Menschen machen und wollen.

Wir hier als Fremdversorgte suchen fiebrig, ruhelos, pausenlos nach etwas zum Tun. 

Wir sind süchtig nach Arbeit. Ohne Arbeit sterben wir. Das glauben Sie nicht? Ist aber so. Ohne eine Tätigkeit, bei der wir mit anderen Menschen zu tun haben, gehen wir ein. Stellen Sie sich dazu das Extrem vor: Sie sind isoliert von anderen, dürfen nicht einen Ort aufsuchen, an dem man etwas zusammen produziert oder verkauft oder ausdenkt. Das macht Sie kaputt auf lange Sicht. Ich kenne Menschen, die sich aufgrund fehlender Arbeit einfach selbst welche beschaffen. Die ist dann zwar nicht bezahlt, aber darauf kommt es den Leuten überhaupt nicht an. Es geht um das Tun. Sie legen sich mit anderen Leuten vor Gericht an. Oder auch wahlweise mit den Behörden selbst. Sie schreiben Briefe, sie überdenken einzelne Begegnungen immer und immer wieder, weil sie etwas brauchen, mit dem sie sich befassen wollen. Sie analysieren sich und ihre Mitwelt.

Ob im Gesunden oder im Krankhaften: Das Tun steht an erster Stelle. Und wenn es auch ein Tun im Sinn von rein geistiger Befassung mit Theorien oder Medien ist. Ohne dies kann ein Mensch nicht sein. Wir sind Arbeitsbeschaffer. Unser negatives Spannungsfeld befindet sich zwischen den zwei Extremen „manischer Aktionismus“ und „erschöpfter Fatalismus“.

Doch wirklich etwas tun: Tun wir nicht.

Wir sind gegenwärtig Nichtstuer. Sie und ich, wir sind Fremdversorgte. Die Angst, dass wenn wir ein Grundeinkommen hätten, niemand mehr arbeiten ginge: dies liegt nicht in der Zukunft; nein, es ist JETZT eine Tatsache. Im Hier und Heute. Wie könnten wir auch nur eine solche Annahme treffen, wenn wir nicht schon gegenwärtig der Überzeugung anhingen, dass die Welt voller Nichtstuer ist? Und tatsächlich: Niemand von uns muss noch mit seiner Hände Arbeit seine Nahrung anbauen und sich ein Dach überm Kopf zimmern. Wir arbeiten aus dem einen Grund, dass wir eine Identität erhalten.

Als ich noch eine PR-Fachfrau war, arbeitete ich, weil ich es begehrenswert fand, in der Medienszene zu arbeiten. Ich arbeitete des Status Quo wegen, des Ansehens, der Zugehörigkeit wegen, der Kontakte wegen, des Geldes wegen. Mir war die ganze Zeit klar, dass niemand meine Arbeit wirklich brauchte. Sie war zu nichts nütze, außer, mir etwas zum Tun zu geben. Das ist aber das Kaliber, um das es geht. Die Arbeit war meine geistige Konstruktion, meine Rechtfertigung dafür, dass ich etwas zum Tun benötigte. Das Geld war für mich eigentlich ein Nebenprodukt, natürlich habe ich nichts dagegen gehabt, davon reichlich zu erhalten, es war jedoch nicht mein Hauptmotiv.

Wäre ich Unternehmer oder Produzent – beispielsweise von Staubsaugern – dann würde ich mich fragen:

Wie kann ich ein so super Gerät entwickeln, dass es ein Leben lang hält, kaum Wartung und Reparatur benötigt und an seinem Lebensende als Recyclingobjekt dient?

Mein Motiv wäre auch hier das Interesse an einer Sache. Ich würde so lange über dem Prototypen tüfteln, bis ich mit dem Ergebnis mehr als zufrieden wäre. Dann würde ich diesen Staubsauger verkaufen, weil Menschen ihn mir abkaufen wollen würden. Wenn die Nachfrage befriedigt wäre, dann wäre ich natürlich wieder „arbeitslos“. Aber darum geht es doch! Weshalb soll ich, wenn ich das perfekte Produkt entwickelt habe – noch daran festhalten wollen? Will ich Spaß haben an meinem Tun oder soll es nur darum gehen, möglichst lange meine Einkommensquelle abzusichern? Wäre ich ein Produzent, würde ich in Produkte investieren, die den besten Nutzen haben. Es wäre mir ein Vergnügen, eine Zahnbürste zu entwickeln, die nie wieder weggeschmissen werden bräuchte und wenn doch, dann müsste aus dem „Abfall“ etwas Neues entstehen. Ich würde in technische Kreisläufe investieren.

Da ich aber kein Produzent bin sondern soziale Arbeit mache, ist mein Denkansatz:

Mache dich überflüssig.

Was die Menschen durch mich an Hilfestellung erhalten, sollen sie künftig selbst können. Wenn ich feststelle, dass die manchmal sehr lästige Gewohnheit durchkommt, meinen Selbsterhalt an die oberste Stelle zu setzen, dann verzeihe ich mir das damit, dass wir noch kein bedingungsloses Grundeinkommen haben und ich daher gezwungen bin, nicht meine Klienten oder Termine in dem Ausmaß loszuwerden als dass ich dann ohne mein Einkommen dastehe.

Wenn ich es so betrachte: kommt es mir sehr übertrieben vor, wie sich unser Gesundheitssystem aufbläht. Und überhaupt alles aufgebläht hat, weil wir den Selbsterhalt über alles stellen.

Wir brauchen die Kranken und Verrückten, damit wir als Ärzte, Psychologen, Therapeuten und Berater arbeiten können.

Wir brauchen die Ungebildeten und Armen – aus den Entwicklungs- und Schwellenländern – damit wir als Helfer, Lehrer und Entwickler tätig sein können. Wir brauchen die Ausgebeuteten und Benachteiligten, um immer wieder neue Gruppen und Interessen „gerecht vertreten“ zu können. Tatsächlich gibt uns das Leben dort Sinn, wo wir es mit dem Leid und der Not anderer zu tun bekommen. Und es hat eine große Anerkennung. „Ärzte ohne Grenzen“ oder andere Organisationen, die sich für Menschen oder Tiere einsetzen, Sozialarbeiter, die auf der Straße worken, Altenpfleger, Krankenschwestern, Gewerkschafter, Sozialverbändler und so weiter. In den oberen Rängen sind es die Professoren, Institutsleiter, Wissenschaftler und Forscher, die sich der „Störungsbilder“ und den „Ökonomischen und ökologischen Notlagen“ annehmen. Sie alle schöpfen daraus ihre Identität. Sie alle glauben an diese Art der Arbeitsbeschaffung. Oder würden Sie sagen: „Mein Ziel ist, dass meine Dienste immer weniger gebraucht werden dadurch, dass die Menschen sich selbst befähigen, zu können, was ich kann und was andere können.“

Wir haben das Defizit dazu auserkoren, uns Arbeit zu beschaffen.

Im Erschaffen von Problemen und dem Blick auf Defizite suchen wir das Tätigsein. Das Gesunde, das Starke und das heil Gebliebene ist aber viel besser geeignet, um sich zu beschäftigen. Doch wo wir das Massenhafte brauchen, um massenhaft mit Arbeit versorgt zu sein, kann der Blick nicht auf das gute Potenzial, auf die starke und unverwüstliche Ressource gerichtet sein. Wir brauchen derzeit für unser System die Masse: Massenhaft leidende Menschen in Verbindung mit massenhaft produzierter Materie.

Und umgekehrt: Wenn wir unsere Talente und Potenziale zur Reife brächten, uns überhaupt nicht mehr um den Erhalt von Einkommensplätzen bemühten? Was würde dies aus mir machen? Wie wäre ich dann gestrickt? Ich hätte wahrscheinlich ein paar Anfangsschwierigkeiten mit dieser Form von Freiheit. Ich täte nichts lieber, als mein Wissen zu teilen – dafür würde ich ungerne Geld nehmen, viel lieber nähme ich etwas anderes dafür: mich in eine Gemeinschaft aufgenommen zu sehen, die mein Talent gebrauchen kann und davon profitieren möchte. Das bringt mich zu der Frage:

Wie gut bin ich schon heute in meinem Beruf?

Kommen die Leute zu mir, weil ich ihnen hilfreich bin, weil ich ihnen angemessen diene?

Ich weiß nicht, wie ein Grundeinkommen die Haltung und die Handlung meiner Mitmenschen beeinflussen würde. Was ich weiß, ist, dass es viele gibt, die eine ähnliche Haltung zum Menschsein haben wie ich. Ein Grundeinkommen wäre nicht „die Lösung für die gegenwärtigen Probleme“ – es wäre wie bei den Kindern, denen man neben ihrem Schülerdasein auch noch zutraut, sich eigenständig zu entwickeln, ohne, dass ihnen dauernd gesagt wird, was sie zu tun und zu lassen haben. Es kann schon sein, dass manchem so viel Freiheit zu schaffen macht. Es kann genauso sein, dass mancher unverhofften Mut findet. Doch wer will darüber bestimmen? Ich jedenfalls nicht. Mir sind es schon jetzt zu viele Bestimmer, die herumlaufen und sich gegenseitig Vorschriften machen.

Für mich ist ein Grundeinkommen ein Trittbrett,

eine Möglichkeit, über es hinauszuwachsen und sich ein Zusammenleben und eine Gemeinschaft vorzustellen, die nicht an Selbstverachtung und Überheblichkeit leidet sondern sich darüber klar werden kann, dass Veränderung zum Wohle aller immer die Entscheidung in sich birgt, das Beste oder Schlechteste in sich zum Vorschein bringen zu können.

Ich betreibe diesen Blog nun seit vielen Jahren – als ich damals begann, mich mit der Thematik zu befassen, ahnte ich noch nicht, dass es mich verändern würde. Ich versuchte und versuche seither, Zusammenhänge zu begreifen, Begriffe und Gewohnheiten zu untersuchen, die meine eigene Definition und Betrachtung erfordern. Mein Selbststudium dehnte sich in alle möglichen Bereiche aus und ich kam an den Punkt, an dem ich mir sagte: Dein Wissen und deine Definitionen, deine Erfahrungen und Interpretationen helfen dir nur, wenn du sie auf ein Fundament stellst, das sich „Ethik“ nennt. Sich theoretisch mit Ethik zu befassen, gibt einem ein gutes Gefühl, man ist verbunden mit dem, was „richtig“ ist. Ich zerbrach mir den Kopf, tüftelte über dem Verstehen der Aussagen vieler Denker. Aber das ist schöne Theorie und bleibt so, wenn ich nicht den Mut habe, die Werte, von denen ich genau weiß, dass ich sie befolgen sollte und von meinen Mitmenschen dasselbe erhoffe und sogar fordere, selbst lebe und mich nach ihnen richte.

Ob das Grundeinkommen eine Initialzündung zu dieser Form von Auseinandersetzung war, kann ich nicht wirklich beantworten, dafür sind mein Dasein und meine Erfahrungen zu komplex und viele Faktoren mochten eine Rolle spielen. Doch der Gedanke „Wie will ich leben?“ ließ mich seither nicht los.

Eigentlich hatte ich geplant, zum Thema „Arbeitsbeschaffung“ eine Kritik in Richtung Automation zu schreiben, denn anders als viele Befürworter dies betrachten, sehe ich die Entwicklung in Richtung Künstliche Intelligenz und Maschinenarbeit mit großer Skepsis und auch einer Form von Verärgerung, die ich mir damit erkläre, dass die technologischen Heilsversprechen so leicht geglaubt werden. Da ist eine Verführung am Werk, die ich noch näher untersuchen will.

 

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Gedanken zum G20

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Photo by Alex Victor on Unsplash

Zunächst einmal möchte ich etwas in ein Verhältnis bringen: Die Anzahl der Demonstranten auf Hamburgs Straßen im Vergleich zu der sich erregenden Gemeinschaft im Netz stellt sich mir so dar:

Eine kleine Volksversammlung steht einer gigantischen Netzgesellschaft entgegen.

Die Gazetten, TV-Formate, Blog-Beiträge und Kommentarfunktionen im Internet glühen. Jedenfalls noch und wahrscheinlich noch ein paar Tage. Danach ist wieder Tagesgeschäft.

Die in der realen Welt zusammen gekommene Demonstrationsgemeinschaft hat unter zehn Prozent der Hamburger Bürger ausgemacht. Von G20 Gegnerschaft kann auf Basis von Zahlen deshalb nicht viel die Rede sein.

Aber auf einer anderen Basis vielleicht? Nicht jeder, der nicht auf die Straße geht, ist automatisch unpolitisch oder desinteressiert. Zahlensprache verführt dazu, sich ein zu einseitiges Bild von der Welt zu machen.

Was ist mit der Bildsprache?

Oh je. Die Bilder aus Hamburg erregten manches Grauen. Da sind Zahlen nicht mehr wichtig.

Das Volk und die Polizei – auf diesen beiden Gruppen liegt das Augenmerk – lieferten genügend Stoff für veröffentlichungsfähige Bilder und Videos.

Prügelnde Menschen plus brennende Autos plus kaputte Sachen = Sensationelle Geschichten.

Trotz des medialen Trainings – oder vielleicht gerade deswegen – werden Bilder des friedlichen Protests und Interviews von Demonstranten auf den Verbreitungskanälen zwar geteilt, bleiben aber recht bescheiden kommentiert. Es scheint wenig zu interessieren, was Menschen eigentlich bewegt, friedlich zu demonstrieren oder was sie überhaupt zu sagen und zu suchen haben auf einer Demo, wenn sie nicht etwas Schmissiges – Beklagenswertes – in die Kamera oder ins Mikro sprechen.

Würde ein Demonstrant auf die Frage wie es ihm geht, „Sehr gut, Danke!“ sagen? Und würde dann der Interviewer interessiert nach den Gründen dafür fragen?

Gerade stelle ich mir vor, wie ein Medienmensch mich nach meinem Lebensumständen fragt. Ich würde sagen:

„Es geht mir super! Ich lebe wie König Ludwig der Vierzehnte. Ich kann im Winter Erdbeeren kaufen, bei minus fünfzehn Grad kann ich zuhause im T-Shirt meinen grünen Spargel aus Afrika mit Weißwein aus Californien ablöschen und mit den gerösteten Pinienkernen aus Italien verfeinern. Wenn ich will, fliege ich für einen Urlaub nach Neuseeland ins Land der Hobbits!“

Der Reporter – er ist intelligent – fragt: „Meinen Sie das Ernst?“
Und ich sage: „Selbstverständlich! Und selbstverständlich nicht!“
Er: „Sie machen also auf die Doppelmoral aufmerksam?“
Ich: „So ist es.“
Reporter: „Und weiter?“
Ich: „Wie weiter. Sie sind doch aufgeklärt.“

Wir wissen Bescheid. Wir brauchen nicht Nachrichten hören oder lesen, wir können die Realität sehen. Die eine Hälfte der Welt ernährt die andere durch ihre „Armut und Rückständigkeit“. Diese uns Wohlstandskönige ernährende Agrargesellschaften sorgen für unsere Nahrung und Energie.

Wir essen ihre Lebensmittel, rauben ihr Land, graben ihre Ressourcen aus, legen Leitungen durch ihre Böden, lassen uns von ihnen die Container befüllen und ausladen, fliegen in ihre schönen Feriendomizile auf Kerosinbasis, um an ihren Stränden oder Bergen Urlaub zu machen und nehmen die Reste ihrer Kultur- und Kunsthandwerke mit nach Hause (gerne zollfrei).

Diejenigen, die wir herkommen lassen, schrubben unsere Fußböden, fegen den Dreck weg, transportieren und liefern Pakete, sorgen dafür, dass unser Müll in ihr Land verschifft und dort abgeladen wird.

Zum Dank bauen wir für diese Bauern Schulen und Brunnen, damit sie mal so werden wie wir: Zivilisiert und demokratisch. Wenn sie dann erstmal so geworden sind wie wir, finden wir, dass sie arg kapitalistisch eingestellt, zu viele Plastikflaschen und elektronische Geräte benutzen und irgendwie kulturelle Banausen sind.

Soweit klar.

Das alles gesagt, ist leicht zu erkennen: Du und ich – wir sind Kapitalisten.

Wenn wir also als Kapitalisten auf die Straße gehen und „gegen Globalisierung“ und „Wirtschaftswachstum“ sind; dann sind wir gegen unsere eigene Lebensweise, dann haben wir etwas gegen unsere eigene Existenz.

Und warum auch nicht? Dem Ganzen ist die Kritik nun wirklich auf den Fersen. Die Selbstvorwürfe und der Selbsthass wachsen neben der Wirtschaft auf diesem Boden recht gut. Wie trickreich die menschliche Mentalität ist, dazu gibt es viele gute Bücher. Deshalb ist die Frage nach der „Schuld“ so beliebt. Sich selbst ein Höchstmaß an Verantwortung zu geben, so schwierig. Der Klassiker in der Analyse der Psyche ist der, dass wir die Selbstbetrachtung lieber nicht betreiben und vorwiegend unsere Blicke auf „die anderen“ – unsere Mitmenschen – richten.

Die einen meinen, es sei gut, die Armen der Welt sich schnell entwickeln zu lassen, damit schließlich alle zu Kapitalisten werden. Die anderen meinen, dass das ein vergeblicher Versuch ist.

Ich als Bänker, politischer Repräsentant und Wirtschaftsmanager. Welche Frage würde ich denen stellen, die gegen mich demonstrieren? Es wäre die Folgende:

„Wollt ihr Bauern und Handwerker sein?“

Das Volk würde antworten: „Nein, natürlich nicht! Das geht doch gar nicht.“ Den Bauern und Handwerkern aus den noch nicht entwickelten Ländern würde ich die Frage stellen: Liebes Volk, wollt ihr Kopfarbeiter sein?“ Es antwortet: „Ja, das ist viel schöner, als auf dem Feld arbeiten! Und Geld haben wir dann auch endlich.“ Natürlich spekuliere ich diese Antworten auf der Basis von Mehrheiten. Das machen wir hier so.

Danach hätten dann alle ein Smartphone und wären glücklich.

… Aber Moment: Wer zieht dann noch die Radieschen und baut den Weizen an?

Ach ja, stimmt: das machen dann alles die Maschinen.

Ganz einfach, … nicht?

Die Legitimation für diesen Gipfel haben die Teilnehmer längst von mir erhalten.

Da ich nichts dagegen habe, in die Ferien zu fliegen, meinen Bulli vollzutanken, um von München nach Hamburg zum Demonstrieren zu kommen, ich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands (oder in welcher privilegierten Gegend ich auch lebe) erhalten will, nichts gegen „scharfe“ Grenzkontrollen in der EU habe und meine Unabhängigkeit gern als meinen eigenen Verdienst ansehe, obwohl ich wie ein Baby zu hundert Prozent fremdversorgt bin, habe ich kein überzeugendes Veto bezüglich des Gipfels.

Okay. Ich spreche nicht wirklich nur von „mir“. Aber ein Teil dieses Ichs findet sich in der Kritik.

Es geht nicht darum, die Probleme dieser Welt in meinem Kopf oder auf meinem Sofa lösen zu wollen. Wofür ich zum Schluss plädiere, ist eine ernst gemeinte Frage, die sich jeder stellen kann:

„Wie will ich leben?“

Vor allem Unmut und der Suche nach Lebens-Konzepten, Lösungen und Meinungen, ist es von großer Bedeutung, welche Selbstanalyse ich betreibe, zu welcher Erkenntnis ich bezüglich meiner höchst persönlichen Existenz komme. Habe ich eine Ethik, die ich nicht nur theoretisch denke sondern auch praktisch verfolge? Habe ich Weisheit, zwischen Ethik und ihrem Gegenteil zu unterscheiden?

Dabei muss ich nicht pathetisch werden. Ich kann einen ganzen Tag lang versuchen, nicht schlecht über andere Menschen zu sprechen. Wie überaus schwierig oder leicht dies ist, wird eine Aussage hinsichtlich meiner ethischen Haltung haben. In der Folge, wenn dieses Experiment Glück verheißen hat, kann ich mit den anderen Grundregeln menschlichen Zusammenlebens weitermachen.

Ein spannendes und lohnendes Experiment, bei dem ich mir – vielleicht zum ersten Mal – nicht über andere Leute den Kopf zerbreche und beginne, eine Ahnung davon zu haben, wie wenig ich mich bisher kennen gelernt habe.

Die Ehe für alle

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Lugu Lake - Yunnan, China /From Wikimedia Commons, 
the free media repository / Copyright:עברית: אגם לוגו, יונאן, סין.

 

Oder doch lieber Ehe für keinen?

Ich bin für eine andere Art des Zusammenseins von Mann und Frau. Für eine, die freier, weniger konfliktbehaftet und nicht „romantisch“ überfrachtet ist. Vor allem für eine Form von Beziehung, die nicht als eine wirtschaftlich funktionieren müssende Keimzelle angesehen wird und dadurch emotional wie ökonomisch überfordert ist. …

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Der neue Bösewicht!

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Foto: John Sting  – unsplash.com

 

Wir lieben es, einen Bösen zu verdammen und den ganzen Sturm unserer Empörung und Entrüstung über einen vermeintlich Durchtriebenen zu entfesseln.

Wie immer sagt dies genauso viel darüber aus, wie wir zu uns selbst stehen und was wir über uns denken, wie über denjenigen, der den Shitstorm auf sich lostritt. Die großen medialen und politischen Bühnen eignen sich hervorragend für Kränkungen und Schmähungen aller Art.

Auf den Bühnen fließen die Gut-gegen-Böse Fantasien und sprudeln über

Es werden flammende Kommentare und Reden gehalten genau wie sich zu kühlem Kalkül bemüßigt wird. Alle haben eine Meinung. Die einen wollen den Scheiterhaufen, die anderen eine strategische Lösung. Nur machen sollen das die anderen.

Kaum jemand ist sich zu schade, den Weltbösewichten von heute einen gefühlvollen Film auf youtube oder einen Kommentar in den „Sozialen Medien“ zu widmen. Schön, dass es wieder einmal einen Bösewicht in Reinform gibt. Auf den hat man gerade gewartet, bei all dem Übel auf der Welt. Auf’s Pfundige überrascht sieht man sich plötzlich auf einer Seite sehen mit solchen, mit denen man gar nicht gerechnet hätte.

Die auf der Bühne stehen, haben es schließlich nicht anders verdient, denn auch sie stormen den Shit von da oben herunter. Es wird sich gegenseitig gekränkt was das Zeug hält.

Ob es nützt, ein paar Bemerkungen dazu zu machen? Vielleicht.

Zunächst mal wird dies willkommen geheißen. Die Schimpfenden und Zeternden sind froh, dass es eine derartig exzellente Projektionsfläche gibt. Einem Bösewicht, der auch noch offen böse spricht, den kann man endlich aus Lust beschimpfen ohne sich dabei irgendwie blöd vorkommen zu müssen. Wie vielleicht bei manch anderem, dem man Übles nachsagte, sich aber nicht ganz so sicher gewesen war und derjenige sich nicht so schamlos erdreistete, als Ausgeburt des Bösen zu erscheinen, sondern vielleicht nur in Teilen böse ist. Nun haben wir aber einen Vollblut-Bösen.

Was denken wir, wie dieser Erzfeind die Gewitterstürme der Entrüsteten auffasst?

Denken wir überhaupt darüber nach? Was füttern wir da? Ist es nicht offensichtlich, dass der selbst ernannte Bösewicht genau dies begrüßt? Diese ungebremste Aufmerksamkeit, dieses „alle Augen auf mich“.

Dient man sich nicht damit jemandem an, den man „eigentlich“ gar nicht haben will? Aber ja. Das ist so. Das stürmische Wetter ist doch genau das, was Narzisten brauchen. Es geht dem Drangsalierer runter wie Öl, dieses Gerede und Geschreibe über ihn. Er will es so! Und alle geben es ihm, zeigen’s ihm richtig!

Was für ein fantastisches Ergebnis, allein, den eigenen Namen in die Suchmaschine einzutippen und das Feuer der Buchstaben und Filmschnitte hell lodern zu sehen! Natürlich macht auch der Bösewicht abends seinen Laptop an und guckt, was die Welt über ihn sagt. Oder glauben Sie etwa, der lässt sich nur die guten Schlagzeilen von einem PR-Berater aufsagen? Nein, selbst der böseste Bösewicht hat abends sein elektronisches Gerät auf dem Schoß und speist seinen Masochismus. Das muss man wissen.

Die einen preisen, die anderen verteufeln. Alle auf mich!

Menschen, die wir bisher in Filmen in sensiblen Rollen bewunderten, stehen plötzlich auf dem staubigen Marktplatz der Gerechten und zeigen mit dem Finger auf die Bedrohung. Wenn sogar DIE das machen, dann muss es ja richtig sein! Und der Bösewicht denkt, etwas säuerlich: „Wow, sogar der ist gegen mich. Hätt ich nicht gedacht. Den mochte ich eigentlich immer…“ Etwas krumpelt sich in ihm zusammen.

Denken wir, dass die Schmähungen dem Bösewicht nichts ausmachen? Natürlich denken wir das! Wir glauben ja gar nicht, dass es sich hierbei um einen richtigen Menschen handelt. Wahrscheinlich ist der Geschmähte ein Borg oder etwas anderes alienmäßiges – auf keinen Fall menschlich. Außerdem müsste das Schmerzensgeld doch in jedem Fall ausreichen, um die Urteile und die Hetze mehr als wieder gut zu machen. Nein, überhaupt wird keinem „da oben“ gestattet, sich gekränkt fühlen zu dürfen. Schließlich steht der Obere dort ja ganz freiwillig. Im Licht der Kameras und im Kopf der Zeitungsschreiber – da hat er sich doch ganz selbstgerecht hinpositioniert und eingekauft. Darum runter mit dem Daumen und nicht weiter drüber nachgedacht.

Spieglein, Spieglein…

Wir beschreien in Wahrheit gar keinen realen Menschen, sondern das stereotype Böse, die tausend Prozent reinrassigen Hasses.

Wo ist dieser Hass angesiedelt? Natürlich in uns selbst. Wie kann man sonst derartig engagiert sein, so gefühlsbetont? Die Höllengeburt eignet sich mehr als nur gut dafür, etwas zu beschreien, was in uns seinen Ursprung hat. Das wird nicht gern so betrachtet. Wie? Das Warnen vor dem Bösen ist kein politisches Interesse und auch kein sich dafür einsetzen, dass die Welt ein besserer Ort wird? Ist es nicht legitim, eine „klare Meinung“ über jemanden zu haben, der so offensichtlich ein Verachtenswerter ist? Wenn nicht über den, über wen denn sonst? Es ist viel mehr als nur ein geistiges Zetern und Morden über das eigene so ereignislose und bedeutungslose Leben!

Dennoch. Auf eins kann man sich ganz sicher verlassen: Die Schmähungen und Beleidigungen, der Shit, der wird dem Despoten ganz sicher etwas ausmachen. Da hilft auch kein Hinweis darauf, dass er „das nicht dürfe“ oder „schließlich aushalten müsse“. Der Hinweis verpufft sozusagen ungehört im Raum, denn ich geh jetzt mal davon aus, dass Sie persönlich mit keinem Bösewicht verkehren.

Wenn Sie in einem halben Jahr nicht mehr daran denken, wird der Getroffene alles dafür tun, damit Sie ihn auch ja nicht vergessen.

Derjenige, der sich als die Inkarnation aller Attribute von „böse“ zurechtgewiesen sieht, der wird eine Kränkung in genau der Dimension fühlen, wie es die Suchmaschine an ihn heranträgt. Und die vergessen bekanntlich nichts. Dazu noch alle Kränkungen, die aus den Menschenmengen zu ihm herüber wehen. Und es wird den Bösen zutiefst treffen. Denn das ist eine Dimension von Kränkung, die darf man ruhig „gewaltig“ nennen.

Ob die Kränkung nun eloquent und spitzfindig ihr Ziel findet, ob sie obszön oder billig ist: Jede einzelne wird ihn noch kränker machen, sich peinlich ins Egozentrum bohren und einen großen Effekt haben. Der Getroffene wird als Gegengewicht dazu unbedingt noch mehr „Gutes tun“ wollen. Er wird es nicht wahr haben wollen, das über ihn gesagte Schlechte. Und darum sind alle Kränkungen wie versenkte Treffer, die den Aktionismus, den die Schmähungen vermeintlich so gerne stoppen wollen, noch weiter anfachen werden. Sie machen den Bösewicht noch … böser. Gestoppt werden, ganz ehrlich jetzt? Ist es nicht schön, alle Schuld auf jemanden abladen zu können?

Wie alle, die zutiefst verletzt und gekränkt durch ihr Leben gehen, darauf lauern, dass ihre Würde verletzt wird und die Schlechtigkeit sich erneut bestätigt, geht auch der mediale Bösewicht durch die Welt. Man sieht ihn bloß besser, weil alle auf ihn schauen.

Ein Selbst-Test: Wie reagieren Sie auf Beschimpfung?

Sie glauben das nicht? Überprüfen Sie es bei sich. Wie geht es Ihnen, wenn man Sie beleidigt, einen Arsch nennt, einen, den man davonjagen sollte, einen Stümper, einen Möchtegern? Wie fühlt es sich an, wenn man Sie eine gierige Schnepfe nennt, eine dummdreiste Person, von nichts eine Ahnung? Wenn so etwas hinter ihrem Vor- und Nachnamen in Ihrer Zeitung oder auf Ihrer sozialen Pinnwand oder Ihrem Handy-Display zu lesen wäre? Sie würden es gelassen nehmen, stimmts? Weil, könnte ja sein, dass Sie es verdient haben würden. Aber halt, spalten Sie sich jetzt bitte nicht von sich ab. Es geht gerade um Sie. Natürlich denken Sie nicht, Sie hätten es verdient. Und erst recht nicht würden Sie dies denken, wenn nun Ihr Nachbar käme und zu Ihnen sagte: „Naja, also Matthias, mach dir nichts draus, du verdienst ja immerhin genug Kohle, die die gehässige Schlagzeile wieder wett macht.“ Oder eine Nachbarin Ihnen durch den Zaun zuzischen würde, dass Sie Ihren rassistischen Arsch vom Angesicht dieser Erde tilgen sollen.

Ich meine, hat irgendwer auf Beleidigungen und Schmähungen mit Güte oder Einsicht reagiert? Spontan fällt mir bis auf Jesus oder Buddha eigentlich niemand ein. Wieso wird das von Leuten erwartet, die an der Spitze von irgendwas sind? Aber dass sie so weit gekommen sind, hat eben damit zu tun, dass die Kränkungen wie schwere Steine in einem Katapult wirkten, das den Bösewicht noch weiter nach oben katapultierte. Der Gekränkte hat ein Credo: „Jetzt erst Recht.“

Sie würden nun – derartig beleidigt und gekränkt – …. tja, was tun? Die Ruhe bewahren? Den Beleidigern keine Flanke zeigen? Eine Therapie machen? Der Welt beweisen wollen, dass Sie doch kein so übler Mensch sind? Doch wohl Letzteres, nicht? Letztlich wollen wir alle geliebt und geachtet sein. Auch der Bösewicht will das. Und man könnte sagen: Er will es so sehr und so stark, dass er alles dafür getan hat, um aller Augen auf ihn gerichtet zu sehen, denn so heftig er es auch in seinem Leben schon bekommen hat, es ist nie genug. Der ausgemachte Bösewicht hat dazu ein kränkeres Verhältnis als vielleicht die Menschen, die sich um das Geschrei ohnehin nicht kümmern.

Es ist immer so. Wenn einer einen anderen kränkt – dabei stellt sich überhaupt nicht die Frage nach dem ob zu Recht oder Unrecht – bleibt das Gefühl von Getroffensein immer dasselbe. Wenn narzistische Bösewichte sich der Weltbühne präsentieren, dann wollen sie unbedingt geliebt werden. Sie wollen Bestätigung und jeder, der ihnen eine Kränkung zufügt, muss bewiesen bekommen, zu wie viel Gutem man andererseits fähig ist. Jede, auch Ihre in den Äther gepostete Kränkung ist Wasser auf die Mühlen des Hasses. Kränkung ist für Gekränkte immer das viel stärkere Motiv als das Lob. Würden Gekränkte etwas auf’s Lob geben, könnten sie die Bühne endlich verlassen. Aber Sie sehen selbst wie das ist.

Fragen Sie sich einmal, warum Sie oder ich oder die ganzen Kollegen da draußen eine so starke Projektionsfläche für die eigenen Gefühle wollen. Wie oft Sie sich mit den Stereotypen auf dieser Welt geistig herumschlagen und was es Ihnen bisher eingebracht hat.

Liebe das Böse in dir und es wird gut werden?

Der Böse, der „weg soll“, der sind eigentlich Sie. Ja. Was man empört und mit Herzklopfen von sich weisen will, ist der Teil in jedem, der zu gekränktem Hass fähig ist. Aber es ist leichter, jemanden außerhalb der eigenen Hülle dafür verantwortlich zu machen. Und nun eignen sich die Bösewichte dieser Welt außerordentlich gut dafür.

Ohne die stetige Befruchtung aller, die shitstormen oder die Weltprobleme „bekämpfen“ wollen, hätte es ein Gekränkter schwer. Ohne diese Zurechtweisung von anderen, die einem ihre gekränkte Überlegenheit demonstrieren wollen, würden diese Zahnräder nicht so schön ineinander fassen. Auf den großen Bühnen dieser Welt liegen die größten Kränkungspotenziale. Es bleibt nichts unbeobachtet von einer „Öffentlichkeit“. Echt? Wir sind diese Öffentlichkeit? Haben wir nichts anderes zu fühlen und zu denken?

Wie es aussieht, ruft eine gekränkte Masse einem aus der Masse Hervorstehenden ihre eigene Kränkung zu und fordert: „Hör sofort auf damit, uns zu kränken! Aber nehme unsere Schimpfworte nicht persönlich.“ Aber was können wir schon tun, wenn wir dem Bösewicht persönlich nie begegnen und ihm in einem Vieraugengespräch vielleicht sagen wollten, dass er aufhören soll, böse zu sein?

In die eigene Haut zurückzukehren und zu schauen, was da drin eigentlich möglich ist.

Wäre das jetzt nicht ein geeigneter Zeitpunkt, sich einzugestehen, dass die Projektionsfigur eben unerreichbar für einen ist und es wesentlich leichter wäre, sich des eigenen Körpers bewusst zu werden, der einen Geist in sich trägt. Mit beiden lässt es sich ganz hervorragend zusammenarbeiten, wenn diese Projektionsfigur weggestellt würde, die einem die Hände fesselt und Herz und den Verstand blockiert. Malen Sie meinetwegen Ihren Bösewicht auf Pappe und bewerfen ihn mit Dartpfeilen. Sie werden merken, wie albern das ist und sagen „Danke“ und „Tschüss“ für die Selbsterkenntnis.

Ich werde jetzt mal gucken, wo ich einen leeren Pizza-Karton finde. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gekränkt habe.

 

Sterben ist tödlich!

friedhofHerzlich willkommen liebe Freunde des Grundeinkommens!

Ich sehe mit Freude, dass es nun eine Grundeinkommenspartei gibt, der ich 2017 mein Kreuz bei der Bundestagswahl geben kann. Wie schön, dass dieses Dilemma jetzt für mich ein Ende hat. Denn ich hätte wirklich nicht gewusst, wo mein Kreuz machen. Da das jetzt geklärt ist, heute mal ein anderes Thema. Geht zwar auch um Kreuze, aber nur diejenigen, die auf einem Grab stehen.

Foto: Neil Thomas
Cambridge, UKfinleydesign.co.uk

Dass Sterben tödlich ist, habe ich ja oben schon gesagt. Und dass es sich irgendwie leichter stirbt, wenn man auf dem Totenbett – so man dort bei Bewusstsein liegt – besser nichts bereut, ist auch eine recht klare Sache. Leute mit Grundeinkommen sterben vielleicht besser als solche ohne. Das ist nun eine sehr gewagte Theorie, aber irgendwie muss ich mich ja meinem Thema nähern.

Tatsächlich ist meine Mutter im Alter von sechsundachtzig Jahren im März 2016 gestorben. Sie hat bis fast zuletzt im Schoß der Familie gelebt – so gesehen hatte sie ein Grundeinkommen sowie eine gründliche Versorgung durch die Familie. Die letzten Wochen verbrachte sie allerdings im Krankenhaus. Das ist kein so guter Ort um zu sterben. Jedenfalls habe ich dies so empfunden und werde noch einige Zeit brauchen, um im Frieden damit zu sein, dass die pflegenden Mitarbeiter besser ein Grundeinkommen gehabt hätten. Da ich keinen Hehl aus den positiven Begleiterscheinungen einer solchen bedingungslosen Grundversorgung mache, macht meine Vorstellung eben auch davor nicht Halt, mir auszumalen, was gewesen wäre, wenn. Aber natürlich wäre wohl gar nicht viel anders gewesen, selbst wenn es da schon ein Grundeinkommen gegeben hätte. Jedenfalls nicht für meine Mutter. Sie hatte ein bewegtes Leben und ich kann sagen, dass sie für mich nicht wirklich „weg“ ist, da sie ein so bedeutsamer Teil meines Lebens und meiner Entwicklung gewesen ist. Ein Teil von ihr lebt in mir weiter – sie hat mich zutiefst geprägt. Wir haben uns später etwas mehr geliebt als am Anfang meines Lebens. Na, jedenfalls war es so, dass sie mich immer gleich liebte, ich sie aber erst später mehr liebte als zwischendrin. Jetzt ist die Liebe reif und erwachsen geworden und ich habe sie tatsächlich einholen können und muss nichts in der Beziehung bereuen.

Das Sterben in einem Krankenhaus habe ich mir dennoch genauso vorgestellt wie es in Wirklichkeit gewesen ist. Nicht gut. Zu wenig Zeit für das „Vorher“ und das  „Nachher“ – keine angemessene Sterbebegleitung und keine Totenwache möglich. Ich hatte mir eine Woche frei genommen in den Tagen vor ihrem Tod und war jeden Tag bis zur Schlafenszeit bei ihr geblieben, meine Schwester entlastete ich dadurch ein wenig. Als sie starb- nicht mal drei Stunden später – und das hat bereits die übliche Zeit überschritten – wurde sie aus dem Zimmer in die Pathologie gebracht. Blödes Wort. Pathologie. Ich kam also aus Hamburg definitiv zu spät in Niedersachsen an, um sie noch im Krankenbett zu sehen. Die nächste Gelegenheit war dann die Kapelle.

Vorher aber noch ein Gespräch mit dem Bestatter. Für den wir seine „Kunden“ waren. So ist das. Man ist ganz schön angefasst, wenn die Mutter stirbt. Ziemlich pingelig mit allem. Mit den Pflegerinnen im Krankenhaus, die heulende Töchter auf dem Flur ignorieren und wenig Zeit für Mitgefühl haben. Die Hygiene, die Kittel, die fehlenden Sitzgelegenheiten im Gang, die zum Teil sehr harsche Ansprache an meine Mutter und uns Angehörige. Mit einem Bestatter, der an sein Handy geht, während er mit der Familie Sarg und Todesanzeige durchgeht und sagt, er „rufe später zurück, er sei grad beim Kunden“. Klar, wir sind Tagesgeschäft. Und heute weiß ich: ein Bestatter ist eben kein Theologe oder Philosoph oder Christ oder so, jedenfalls nicht naturgemäß, sondern eigentlich jemand, der zunächst mal einen guten Rücken und kräftige Hände braucht. Leicht war meine Mutter nämlich nicht, das haben auch die Schwestern im Krankenhaus gespürt.

Mit diesem ganzen Sterbegeschäft befasst man sich also dann, wenn es soweit ist. Schön wäre es, wenn ich nicht ganz so geschockt gewesen wäre und das, was ich als normal vorausgesetzt hatte, eben von anderen ganz und gar nicht als normal angesehen wurde. So hat mich der Bestatter doch recht irritiert angesehen als ich fragte, ob ich ihm zur Hand gehen könne beim Herrichten meiner Mutter. Aus irgendeinem Grund ging das nicht, wegen der Hygiene oder so und mein ältester Bruder hat mich angesehen, als hätte ich den Verstand verloren. Ich glaube auch, dass wir einige der Schwestern im Krankenhaus etwas beschämten durch unsere hartnäckigen Nachfragen und dem unausgesprochenen Tadel, mit ihr zu ruppig umzugehen. Manche konnten uns nicht ansehen. Andere schon. Ich saß nun dort und hatte so im Kopf das Bild, wie der Bestatter meine Mutter vom Krankenhaus in seine Räume transportiert hatte und wie er sie wohl behandelt hatte und noch würde? Und trauerte bereits der verpassten Totenwache nach. Ich hätte gern noch etwas mehr für meine Mutter getan.

Wenn Sie schon mal in einer Kapelle einen Toten aufgebahrt gesehen haben, dann wissen Sie, dass man das in so einem Kühlraum sehr schlecht machen kann, über einen Toten zu wachen. Da ist es wie in einem Kühlschrank in lebensgroß und so eng, dass man kaum an der Seite stehen, geschweige denn sitzen kann. Jedenfalls in unserer Kapelle ist das so. Und es ist gruselig da drin. Kein Ort zum Wachen. Ganz und gar nicht.

Also übernahm ich die Aufgaben freiwillig, die man mir gestattete und teilte mir ansonsten die Verantwortung mit meinen Geschwistern. Sehr schön hingegen war das Treffen mit dem Pastor. Der hat sich Zeit genommen und schien auch ein ehrliches Interesse an der persönlichen Geschichte meiner Mutter zu haben. Weil wir in ihm den ersten entdeckten, der herzlich und teilnahmsvoll zugleich war, musste er wohl viel länger bei uns bleiben als angenommen. Wir stürzten uns regelrecht mit Geschichten auf ihn und erzählten ihm sicher auch vieles, von dem er gar nichts wissen wollte. Wir waren so bemüht, dass er in uns die Kinder erkennen konnte, die ihrer Mutter den Respekt geben wollten und die Würde, die sie unserer Meinung nach verdiente.

Wir schrieben also ein eigenes Nachwort und meine Nichte las es in der darauf folgenden Woche bei der Beisetzungsfeier vor. Vor dem eigentlichen Gottesdienst kam die Gemeinde, der meiner Mutter angehörte und es gab ein großes Singen, das eine ganze Stunde (!) dauerte und mir das Herz in der Brust fast sprengen wollte, so traurig und tränenfördernd waren die Gesänge der Frauen und Männer aus der Gemeinde. Es war fürchterlich bewegend und unerhört traurig, denn lieber wäre ich etwas fröhlicher gewesen. Aber alle anderen trauerten so schlimm, da konnte ich mich dem nicht entziehen, es ist wirklich epidemisch auf so einer Beerdigung. Ich glaube, auf meiner eigenen Beisetzung will ich es etwas weniger traurig. Immerhin hat meine Mutter ein langes Leben gelebt und ist in Ehren von uns Kindern behandelt worden. Aber natürlich: das ist nur meine Sicht auf die Dinge und nicht unbedingt die meiner Geschwister und weiteren Verwandten. Selbstverständlich war ich traurig und die Tage danach waren die Hölle. Dass der Tod so schmerzt, ist schon beängstigend. Ich denke auch für meine Mutter war es richtig, dass alle so schluchzten und weinten, denn sie ist eben in dieser Tradition aufgewachsen und darum war es also auch richtig, dass ordentlich geschluchzt und die Wangen genässt wurden. Etwas anderes hätte sie wohl nicht gut gefunden.

Die Leute vom Saal waren auch ziemlich gut. Die haben so ausgesehen, dass sie ihr Geschäft mögen. Tatsächlich lebt die Gastwirtschaft hauptsächlich davon, dass dort das Kaffeekränzchen für die Trauergäste stattfindet und die Bewirtungsleute kennen sich ziemlich gut damit aus. Wir hatten eine überaus kompetente Beratung – die Inhaberin war vielleicht ein bisschen zu bemüht, uns christlichen und psychologischen Rat zu erteilen, aber es zählt der Gedanke und nicht das Geschick.

Ab da hatte ich eigentlich das Gefühl, dass das alles Menschen sind, die mögen was sie arbeiten. Auch die Leute vom Blumenladen um die Ecke und alle, die nun irgendwie ihr Auskommen mit dem Sterben haben. Nun ist der Tod ein besonderes Thema und dabei gleichzeitig ist es leichter zu erkennen, wer liebt, was er tut und wer es nur seines Einkommens wegen tut.

Da passt der Grundeinkommensgedanke nun doch auch irgendwie rein. Oder nicht?

Jedenfalls ist eines ganz sicher: Wir alle werden sterben und es endet immer tödlich. In diesem Sinn: Leben Sie wohl. Ob mit oder ohne Netz und doppelten Boden.

P.S. Mein Bruder sagt immer, dass nur die Lebensmüden aus einem heilen Flugzeug springen. Letztes Wochenende war es dann wieder soweit, dass die Fallschirme am Himmel zu sehen waren. Ich finde meinen Bruder wahnsinnig witzig. Ich habe eine Handvoll Weisheiten und gute Sprüche von ihm. Das war nun einer davon. Andere mögen noch folgen.

P.P.S. und entschuldigt liebe Grundeinkommenspartei, dass meine Bildauswahl nun direkt neben eurem Namen gelandet ist.

Komplexe und simple Gesellschaftsformen

Wo ist es leichter, ein Grundeinkommen einzuführen?

Es wird häufig gesagt, dass ein Grundeinkommen in armen Ländern dieser Erde funktionieren würde, aber in so komplexen Gesellschaften wie Deutschland oder vergleichbaren Technokratien eher nicht. Das klingt einleuchtend. Von daher ist die Frage in der Überschrift eher Rhetorik.

In einer armen, auf Landwirtschaft bzw. Selbstversorgung basierenden Gemeinschaft einen Cash-Transfer zu installieren, bei dem die Menschen dann individuell entscheiden können, was sie mit dem Geld anfangen, klingt sogar ziemlich logisch, wenn man sich mit dem Gedanken anfreundet, dass diese Leute schon wissen, was sie mit dem Geld tun.

Feldversuche (siehe Forschungsergebnisse von Guy Standing) haben gezeigt, dass sich die Lebensqualität in Form von Gesundheit, Bildung und Wirtschaftlichkeit bedeutsam verbessert. Die Teilnehmer schickten ihre Kinder in die Schule, gingen früher und häufiger zum Arzt und starteten ihr eigenes überschaubares Geschäftsmodell, um zusätzliches Einkommen zu erzielen. Gerade diese simple Form des Lebens scheint es zu ermöglichen, in recht kurzer Zeit der Armut zu entkommen. Da sich das Leben der Armen auf die grundlegendsten Bedürfnisse wie die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und einem Dach über dem Kopf beschränkt, hat der Cash-Transfer eine ungleich höhere Wirkung auf sie als auf uns. Der Zugewinn an Freiheit und Unabhängigkeit scheint sich also nur dort zu entfalten, wo die Verhältnisse ohnehin nicht mehr schlechter werden können oder auf einem sehr geringen technischen Standard beruhen. Solchen Menschen, die mit Elend und Armut konfrontiert sind, wäre mit einem Grundeinkommen durchaus viel schneller geholfen. Und da Geld dort ohnehin einen viel größeren Wert hat als bei uns, reicht auch schon eine umgerechnet sehr kleine Summe, um sich um die Finanzierung eines Grundeinkommens keine Sorgen machen zu müssen.

Es liegt darum auf der Hand, dass der Blick auf Selbstversorgungsgesellschaften in Verbindung mit einem Grundeinkommen auf weniger Skepsis und Widerstand bei denjenigen stößt, die sich als Außenstehende und Erste-Weltländer begreifen. Die „entwickelten“ Länder und deren Menschen sind sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass sie in einer absoluten Fremdversorgungsgesellschaft leben und weder die Kenntnisse noch die Fertigkeiten besitzen, die uns manch ein Armer eines abgelegenen indischen Dorfes voraus hat.

Wir sind derartig in das System der Fremd-Versorgung eingebunden, dass ein Kollaps sehr schnell dazu führen würde, uns alle in große Not zu stürzen. Zum Einen leben wir in Städten und Häusern, die an die Wasser- und Energieversorgung der großen Betreiber angebunden sind. Niemand in den entscheidenden Positionen in Wirtschaft und Politik scheint heute ernsthaft auf die Idee zu kommen, dass es so etwas wie sich selbst versorgende Häuser bzw. Wohneinheiten geben könnte, die als einzelne Zellen sowohl ihr Wasser beziehen oder aufbereiten als auch ihre eigene Energie produzieren könnten. Lösungen und Konzepte zahlen lediglich auf das Vorhandene ein: eine zentrale und damit von oben lenkbare Versorgung der einzelnen Haushalte mit bewährten und modifizierbaren Technologien. In den Tagesthemen ist zum Beispiel hiervon nicht die Rede: grüne Architektur „Biophilic Cities

Zurück schauend auf die Hochkulturen unserer Geschichte glauben wir, dass die Nachahmung des römischen Aquädukts bzw. einer zentralen Kanalisation und Wasserversorgung ganz genau das ist, was auch heute unter moderner Architektur und Städteplanung verstanden werden kann – eben nur in anderer Form. Für die Römer und die damaligen Bedingungen mag dies als Inbegriff von Fortschritt und Modernität gegolten haben.

Für unsere heutigen Gesellschaften und wuchernden Metropolen ist aber genau das Big Thinking ein Problem. Die lückenlose Versorgung und der Zwang, ans Netz angeschlossen zu sein, hat dazu geführt, dass wir mit Wasser und den natürlichen planetaren Ressourcen vollkommen irrational und sorglos umgehen. Wenn der Einzelne zwangsweise versorgt wird und sein Beitrag zu dieser Versorgung allein monetär erfolgt, verliert er jede Beziehung zu seinem Verbrauch und dem damit verbundenen Aufwand. Eltern, die das ihren Kindern mühsam beibringen müssen, wissen das.

Die Versorgungssysteme sind nicht auf Sparsamkeit und intelligenten Ressourcenverbrauch angelegt. Sie erfordern gewisse Mindest-Mengen an Wasser, die die Kanäle durchfluten und sie erfordern einen konstanten Energieverbrauch, um die zentralen Systeme und deren Ausbau/Modifizierung weiterhin zu finanzieren oder aber in neue zentrale Lösungen zu investieren. Reduzieren oder Abschalten würde den Systemen darum schaden, auch und gerade deshalb, weil ein Rattenschwanz weiterer Sub-Systeme damit verbunden sind, an die wiederum Arbeitsplätze und Forschung andocken. Es ist eine Komplexität erreicht, die gerade durch den Vergleich mit nicht entwickelten Gesellschaften eine so schöne plastische Veranschaulichung ermöglicht und uns gleichzeitig damit fast zu so etwas wie Verlierern macht.

Die Wasser- und Energiefrage ist jedoch eine, die in die Diskussion auch über ein Grundeinkommen mit einbezogen werden sollte. Wie verhalten sich Menschen, die davon ausgehen können, dass ihre Bedürfnisse nach Energieversorgung gedeckt sind?
Energieversorgung ist gleichzusetzen mit derjenigen Versorgung des indischen Dorfes, die diese Energie noch selbst oder zum Teil selbst aufbringen. Wir tun das nicht. Sollten wir aber – jedenfalls in einer neuen Art und Weise.
Diejenigen, die in dieser Hinsicht ernsthafte Forschung betreiben oder nutzbare Innovationen ins Leben rufen, haben längst begriffen, dass wir uns in den westlichen Gesellschaften auf intellektuellen Luxusfragen ausruhen wie etwa, ob es ein Grundeinkommen geben dürfe oder nicht.

Dabei geht es tatsächlich um drängendere Fragen, nämlich etwa der nach dem voraussichtlichen Point of no return, bei der auch die zentralen Versorgungssysteme an ihr Ende gelangen, da die Aufbereitung von Wasser und Gewinnung von Rohstoffen zur Energiegewinnung den dafür nötigen Energieaufwand nicht mehr rechtfertigen. Auch wenn ich das nicht wirklich weiß oder beurteilen kann, so ist das zumindest ein besorgter Tenor, den jeder für sich selbst interpretieren oder erforschen sollte.

Tatsächlich hat die Komplexität einen absurden Grad erreicht, vor dem nur solche Menschen die Augen verschließen können, die versäumt haben, sich das, was in der Schule nicht unterrichtet wird, selbst anzueignen. Nämlich ein Wissen darüber, wie Kreisläufe auf diesem Planeten funktionieren und das alle Phänomene miteinander in Wechselwirkung stehen.

Fundiertes Wissen über den Lebensraum Erde zu erlangen, sich dafür überhaupt in der Tiefe zu interessieren, scheint wohl nur denen vorzubehalten sein, die dafür einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen dürfen oder es geschafft haben, ihr Know-how wirtschaftlich nutzbar zu machen. Die anderen verharren in bequemer Unwissenheit oder im deprimierten Stadium des „ich kann ja doch nichts tun“.

Komplexität ermuntert also nicht gerade dazu, sich seines individuellen Handlungsspielraumes bewusst zu werden oder gar zu fördern. Man muss scheinbar gegen Dinge ankämpfen, die man weder durchschaut noch von denen man überhaupt irgend eine Kenntnis hat. Es scheint, dass man auf vielen Gebieten überhaupt erst zum Experten werden muss, um in dieser komplexen Umgebung von Handel, Produktion, Technologie, Bürokratie usw. überhaupt einen Ansatzpunkt zu finden.
Es verleitet einen schnell dazu, zu sagen, dass man die ganze Sache links liegen lässt oder aber komplett neue Wege geht, die die komplexen Systeme vollkommen ignorieren. Tatsächlich ist das nur allzu verständlich, denn wenn ich eine Sache nicht verstehe oder nicht mal von ihrer Existenz weiß, dann greife ich das auf, was sich mir erschließt und das ich beeinflussen kann.

Vielleicht ist das überhaupt der einzig gangbare Weg, denn unser komplexes System hat einen Grad der Verselbstständigung erreicht, wo die Stellschrauben Ungewissheit darüber bergen, was an der einen oder anderen Stelle wohl passieren mag, wenn man an der einen oder andere Schraube dreht. Als Beispiel fällt mir der „grüne Punkt“ im Bereich des Recycling ein. Er hat ganz neue Industrien hervorgebracht und welche davon nun schädlich oder nützlich sind, kann ich nicht beurteilen.

Um dieser Komplexitätsfalle zu entgehen, müsste sich zum Beispiel die Regierung eines Landes fragen: Haben wir eigentlich alles, um die hier lebenden Menschen mit Nahrung, Wasser und Obdach zu versorgen? Sie müssten sich das auf Basis alternativer und nicht allein bestehender Systeme fragen. Sie müssten sich dies auf Basis einer wieder in Teilen stattfindenden nationalen, regionalen und lokalen Selbstversorgung und Komplementärwährung fragen. Sie müssten sich das auf Basis von natürlich vorkommenden Ressourcen fragen, die nicht erst mühsam produziert oder herbeigekarrt werden, sondern aufgrund der klimatischen und geografischen Bedingungen ohnehin vorhanden oder leicht zugänglich bzw. reproduzierbar sind. Sie müssten außerdem die bestehenden Systeme auf ihre Sicherheit hin überprüfen können bzw. beurteilen lassen, welche zu gefährlich sind, um diese weiterhin laufen zu lassen.

Es müssten Ökologen, Geologen, Biologen und andere nützliche Berufe oder Disziplinen in diese Frage mit eingebunden werden, die die Beschaffenheit des Bodens, seiner Mineralien, seinen Grad der Zerstörung und der Gesundheit einschätzen können genau wie die Qualität des Wassers und der Flüsse und die Menge an Regen. Es müssten erfahrene Permakultur-Experten (Sepp Holzer) und ökologische Landschaftsdesigner (Tamera Portugal) mit dazu geholt werden, die bereits Expertisen anhand von regionalen und lokalen Projekten vorweisen können – und wenn es sie nicht gibt, müssen solche Projekte gefördert und finanziert werden. Wir müssen davon ausgehen dürfen, dass alle diese Menschen, Experten und Innovativen einen Sinn für ihren eigenen lokalen Lebensraum haben, sich irgendwo verorten oder Wurzeln haben, die sie überhaupt in den Stand versetzen, dass ihre Ergebnisse und vertretene Expertenmeinung zugleich Auswirkung auf ihr eigenes Dasein haben. Schließlich hat sich auch der Münchener Bürgermeister mal gegen die Wasserprivatisierung ausgesprochen, da er selbst von diesem Wasser trinkt .

Die Frage nach der Befähigung zur eigenen Versorgung oder aber zumindest ein umfängliches Wissen wenn schon nicht praktischer, so doch theoretischer Natur zu haben, kann uns insbesondere als Vorbilder für die weiteren Generationen nur nützen. Dass Monokultur Arten zerstört und der Einsatz von Pestiziden das Auslaugen von Böden verursacht, ist doch aber nichts, was nicht jeder halbwegs aufgeklärte Mensch nicht etwa längst mitbekommen hätte.

Und wir streiten ideologisch über ein Grundeinkommen?

Vielleicht kämen dann tatsächlich mehr Menschen dahinter, weniger einer bezahlten Erwerbsarbeit nachzugehen, als sich vielmehr neugierig und motiviert darum zu kümmern, was man eigentlich sonst noch Nützliches tun könnte, um sich wieder als autonom und fähig anzuerkennen. Lebensfähig sein bedeutet, dass man ein Erkennen und eine Sensibilität dafür entwickelt, was der Mensch als vollkommen integriertes Wesen dieses Planeten für ein gesundes und gutes Dasein benötigt – und dafür die richtigen Kenntnisse und Fertigkeiten erwirbt. Eine tiefe und reife Erkenntnis darüber, dass die rein intellektuelle Befriedigung des Geistes und das Erschaffen von Technologie uns nur zum Teil ausmacht. Der andere Teil ist unser Körper, der darauf angewiesen ist, mit den natürlichen Elementen in Kontakt zu treten und keine Barrieren dazwischen zu errichten.

Vor dem ernsten Hintergrund der Ausbeutung von Ressourcen und der Gigantomanie, mit der dieses weltweit und oft abseits unserer Sinne betrieben wird, kann man nur verärgert darüber sein, dass Medien und Politik und alle, die im Mainstream ihr Forum erhalten, so bestürzend kurzsichtig und alternativlos daherkommen. Die Agenda, die allen anderen vorangehen müsste, sollte einem höheren und größerem Ziel gewidmet sein, nämlich dem Raumschaffen für moderne Selbstversorgung im Sinne von permakulturgeprägtem Landschaftsdesign, innovativer Städteplanung mittels Energie generierender Wohneinheiten, der Wiederherstellung biologischer Kreisläufe, dem Implementieren technischer Kreisläufe, in einer Welt, in der alles Ressource ist und nichts „Müll“. Diese Welt hätte immense ökologische und damit in der Folge auch psychologische und soziologische Vorteile zu bieten.

Eine Politik, eine Bildung, die solche Ziele formuliert und sie wirklich ernst nimmt, müsste nicht erst „überzeugen“. Menschen, die daran glauben, dass Autonomie eben nicht primär durch Welthandel und Verschiebung der Kräfte von hier nach dort sondern durch lokale Initiativen und der Teilhabe des größten Teils der Gesellschaft innerhalb der lokalen Zellen, die sich dann zu regionalen, nationalen und auch globalen Zellen ausweiten können, sind einfach klüger als diejenigen, die andersherum denken. Zellen hören dann auf zu wachsen, wenn ihr natürliches Wachstum seine Grenze erreicht hat. Es braucht Intelligenz und ein intelligentes Netzwerk, um zu erkennen, wo der Mensch sich selbst eine Grenze setzen muss.

Es ist tatsächlich der Nostalgie geschuldet, dass „Welthandel“ etwas Romantisches oder gar „Schönes“ sei, bei dem ich in den Genuss exotischer Früchte, Gewürze, Kaffee, Seide oder Teppich komme, die in alten Zeiten noch über die Seidenstraße oder die Ozeane per Holzschiff zu uns fanden. Wir müssen auf diese Dinge aber nicht verzichten, weil etwa der Transport nicht mit einer nachhaltigen Ökologie vereinbar wäre. Wir haben mittlerweile Möglichkeiten, die es zu Zeiten von Kolumbus eben nicht gab: riesige Datenmengen, ein gigantisches Wissen und die Möglichkeit, es jederzeit zugänglich zu machen und auszutauschen. Was hindert uns eigentlich daran, auch im lokalen Raum eine Vielfalt von Arten im Bereich der Pflanzen, Insekten und Tieren zu haben? Kaffee in Niedersachsen – wieso denn nicht? Haben wir nicht Mittel und sowohl technische als auch umweltfreundliche Lösungen, die bereits vorliegen oder aber noch in Archiven schlummern? Sehen wir eigentlich noch, welche wunderbaren Möglichkeiten es vor der eigenen Haustür gibt?

Die politische Agenda von heute, die sich mit Familienfragen, Maut-Gebühren, Produktionsmaximierung bzw. Wirtschaftswachstum befasst, nimmt sich deswegen so lächerlich aus, weil sie noch immer daran festhängt, dass sie an alles die Erwerbsarbeit knüpft: dem heiligen Grahl, dem Mythos einer „sozialversicherungspflichtigen Angestelltentätigkeit“, die längst ein Auslaufmodell geworden und sowohl vom technischen Fortschritt, den tatsächlichen Rahmenbedingungen von Handel und Wirtschaft und den Lebensbiographien überholt worden ist. „Vollbeschäftigung“ oder das Mantra des „Schaffens von Arbeitsplätzen“ wäre für uns alle nur noch die langweilige Wiederholung der Fernsehserie „Denver“ aus den Achtzigern, wäre es nicht so anstrengend und geradezu verpönt oder politischer Selbstmord, das Programm abzuschalten. So einen Selbstmörder sähe ich gern. Medien-Formate, die bloß auf dem alten Konzept von Politikerinterviews oder Talkshows aufbauen, gehören genauso in die Mottenkiste wie die leiernden Reden im Bundestag.

Arbeit gibt es wahrlich genug. Mehr als genug. Es gibt so viel zu tun, dass man eigentlich gar nicht weiß, wo anfangen. Es gäbe so viel zu forschen, zu experimentieren, zu finanzieren und zu reparieren. Am meisten in dem Raum, der einen direkt umgibt. Schließlich sind wir doch trotz aller kosmopolitischen Tendenzen und Reiselust immer noch Wesen, die sich gerne irgendwo verwurzeln, ihre Identität herausbilden oder Familie gründen möchten. Identität gibt es nicht als Weltenbürger. Das ist eine schöne ideale Vorstellung von Menschen, die noch nach ihr suchen. Identität gibt es dort, wo ich direkte Verbindung und Bindung habe. Zu denen, mit denen ich mehr als eine Arbeitsbeziehung pflege, zu denen, mit denen ich im geistigen und professionellen Austausch bin, der mich immer auch persönlich angeht, zu denen, die mir Gefühle entlocken, seien sie nun gut oder schlecht, kritischer oder großzügiger Natur. Und natürlich zu meiner eigenen Geschichte und Kultur, die weiter gelebt und vorgelebt werden und sich verändern kann.

Erst dann, wenn ich eine gefestigte Identität und Zugehörigkeit erlebe und erfahre, kann ich mich als Weltmensch betrachten, als einen, der überall hinpasst, eben weil er zu seinen Wurzeln ein paar Flügel hat, die ihn vor dem Fremden und dem Eigenartigen nicht zurückschrecken lassen, weil er sich selbst in ihm erkennt.

Erst, wenn sich die jeweiligen Verhältnisse in den Millionen von lokalen Räumen verbessert haben, sind Menschen überhaupt dazu in der Lage, entspannt auf das zu schauen, was sonst noch außerhalb ihres Dunstkreises getan werden oder welche Muße oder welchen Luxus man sich erlauben kann oder wo es über den Horizont geht. Natürlich ist das Raumgefühl bei jedem Menschen ein anderes und je nachdem, wie groß sein Radius ist, kann er dort aktiv sein.
Wenn Deprimiertheit, Unzufriedenheit, Angst oder Elend im eigenen Raum überwunden werden können, kann ein Mensch sein volles Potenzial entfalten. Ein Grundeinkommen in einer so komplexen Gesellschaft wie der unseren hätte wahrscheinlich so unerwartete Wirkungen, dass wir uns das nicht vorstellen können. Dennoch ist ein Grundeinkommen nur ein Bestandteil einer Agenda, die das Beste anstrebt und das Beste verlangen sollte, im Sinne eines anständigen Lebens aller Beteiligten im Einklang mit der Natur.

Herr McDonough aus der Cradle-to-Cradle Bewegung hat ein solches Ziel einmal formuliert. Und in meinen Augen sollten sich die Menschen nichts Weniger als das vornehmen:

„Our goal is a delightfully diverse, safe, healthy and just world with clean air, water, soil and power – economically, equitably, ecologically and elegantly enjoyed.“

„Raub in vollendeter Form“

Ich habe mir mal ein paar Zitate aus dem folgenden Artikel in der Weltwoche Nr. 47.13 herausgeschrieben und dazu meine Kommentare abgegeben. Autor ist Samuel Hoffman. Er sagt über das bedingungslose Grundeinkommen:

„Ein­personenhaushalte hätten unter dem Strich weniger und Mehrpersonenhaushalte, in denen nicht alle berufstätig sind, hätten mehr Einkommen als heute – noch immer ange­nommen, dass es sich volkswirtschaftlich um ein Nullsummenspiel handelt, wie dies die Initianten sehen. Der alleinstehende Arbeiter müsste das Grundeinkommen der zu Hause bleibenden Ehefrau seines Kollegen mitfi­nanzieren.“

Das wirft doch eine interessante Frage auf: wieso wohnt denn der alleinstehende Arbeiter zu Hause? Wie viele alleinstehende Arbeitnehmer gibt es denn? Und warum sind sie allein?

Dies führt mich zu der Vorstellung, dass es eine gute Sache wäre, dass dieser Alleinstehende mit einer anderen Alleinstehenden zusammenzieht. Das nennt man auch Partnerschaft. Vielleicht würde man sich dann weniger um die Finanzen streiten, wenn beide keine Angst mehr vor drohender Arbeitslosigkeit und Sinnlosigkeit haben müssten.

„Den potenziellen Gewinnern und Verlierern ist jedoch gemeinsam, dass sie einen grossen Teil ihrer Einkünfte direkt vom Staat und nicht mehr vom Arbeitgeber erhalten würden.“

Aha. Die Arbeitenden erhalten also ihre Einkünfte vom Arbeitgeber. Ist das so? Woher bekommt den der Arbeitgeber das Geld, um die Arbeitnehmer zu bezahlen? Erhält der Arbeitgeber dies nicht etwa über den Umsatz, den er macht? Und wer sorgt für diesen Umsatz? Sind das nicht die Abnehmer, also seine Kunden? Und sind die Kunden seiner Kunden nicht die Konsumenten? Und bekommt ein Unternehmen nicht auch Geld von der Bank? Wo bekommt die Bank denn ihr Geld her?

Und wer ist in diesem Zusammenhang „der Staat“? Ich weiß es: Der Staat würde das Geld nur auszahlen, generiert würde es aber durch die Wertschöpfung bzw. die Konsumsteuereinnahmen. Die von wem kommen? Vom Bürger natürlich. Jedem Einzelnen. Derjenige, der mehr konsumiert, steuert mehr bei.

Wie man es dreht und wendet, man kommt am Ende immer auf den einen, den großartigen, den wahren Akteur allen Schaffens und Seins: Den Konsumenten!

Der Autor sagt: „Auch die gleich teuer bleibenden Importe werden in der Rechnung der Initianten sträflich vernachlässigt.“

So so. Sträflich vernachlässigt habe man dies. Da mogelt sich der Schreiber dann gleich auch noch drum herum, dieser sträflichen Vernachlässigung doch einmal selbst abzuhelfen. Wieso denkt er denn, dass weiterhin alles wie gehabt importiert würde? Wie wäre es denn, wenn gewisse Waren wieder im eigenen Lande hergestellt würden? Wenn doch der Import sich dann nicht lohnte oder zu teuer wäre, würden dann die Leute sich etwa hinsetzen und jammern, dass es nun gar nichts mehr aus dem Ausland zu kaufen gäbe? Oder könnte man sich vorstellen, dass ein paar Unternehmen ob der gesunkenen Lohnnebenkosten nicht etwa zurück an den heimischen Herd geeilt kämen? Ich denke da z. B. an den schönen Zahnersatz, der ja jetzt überwiegend in Rumänien oder in einem anderen Drittklasseland von fleißigen Zahntechnikern zu Gebissen geformt und zu uns geschickt wird. Dann darf auf dem Schildchen auch wieder stehen: „Made in Germany“.

Weiterhin heißt es:

„Die Auswirkungen auf den Wohlstand wären verheerend, und es zeugt von Dekadenz und Ignoranz, diesen einfach als gegebene Grösse zu betrachten. Der immer gleich gross bleibende Kuchen, dessen Stücke man beliebig anders verteilen kann, er ist und bleibt ein Ammenmärchen. Mit jeder staatlichen Inter­ vention wird der Kuchen kleiner. Die Initian­ ten haben von diesem wirtschaftlichen Zu­sammenhang offenbar auch mal gehört und stellen in ihrem Film zur Initiative präventiv die Frage, ob denn die messbare Wertschöp­ fung der Volkswirtschaft allenfalls abnehmen würde. Das animierte Kuchendiagramm, wel­ches das Bruttoinlandprodukt repräsentieren soll, wird daraufhin etwas kleiner, und die Stimme aus dem Off kommentiert: «Viel­leicht.» Doch dann wird von einer wunder­ samen «Dynamik» geredet, die durch das Grundeinkommen entstehen würde, und schon wächst der Kuchen im Film wieder auf seine ursprüngliche Grösse an.“

Wahrscheinlich hastet der Verfasser auch gleich zum Arzt, wenn ihn eine Vision zu überkommen droht. Dass eine solche Dynamik tatsächlich einsetzen könnte, scheint unfasslich, geradezu infam. Dass es beim Grundeinkommen eben nicht um eine „staatliche Intervention“ geht sondern: genau um das Gegenteil, nämlich dass „der Staat“ sich am besten aus der eigenen Lebensgestaltung und Planung heraushalten soll. Wie schön, wenn kein einziger Antrag auf irgendeine „Transferleistung“ gestellt werden, keine Bedürftigkeit nachgewiesen und kein Rentenalter mehr erreicht werden muss. Staat: Ade. Eigenverantwortung: Hallo!

So manch Verzweifelter ist nach solchen Reden wohl allzu bereit, sich solchen „verheerenden“ Folgen auszusetzen.

Nun versteht der Autor auch noch absichtlich etwas falsch, denn er sagt:

„Ein weiterer Eckpfeiler des Films (Grundeinkommen – Ein Kulturimpuls) ist die These, dass die Maschinen immer mehr Arbeiten übernehmen und der Mensch sich deshalb zu­ rücklehnen kann. Es sei an der Zeit, Einkom­ men und Arbeit zu entkoppeln, da uns die Ar­ beit wegen der technischen Innovationen sowieso langsam ausgehe. Das erinnert ein wenig an die angeblich vom Leiter des US­ Patentamtes im Jahr 1899 getätigte Aussage, dass man das Patentamt eigentlich schliessen könne, mit neuen Erfindungen sei nicht mehr zu rechnen, es sei schon alles erfunden. Dem ist entgegenzuhalten, dass wir wahrscheinlich auch zukünftig sowohl mit neuen Erfindun­ gen als auch mit neuen Möglichkeiten für menschliche Arbeit rechnen dürfen.“

Er hat natürlich damit Recht. Ich danke für dieses schöne Beispiel. Dass es  genügend Arbeit gibt und diese uns ganz bestimmt nie ausgehen wird, das hat er wohl auch erkannt, dieser Schlingel. Nämlich im Bereich der Familienarbeit, der Kunst, der Kultur und so weiter.

„Innovationen machen das Leben angenehmer, doch gibt es keinen Grund, sich deswegen auf die faule Haut zu legen.“

Selbstverständlich nicht. Hat denn das jemand behauptet? Ach nein, Entschuldigung, dass ist ja die Annahme des Autors. Die Grundeinkommens-Clique ist vielmehr der Meinung, niemand habe mehr eine faule Ausrede für’s Nichtstun. Gleichzeitig sagt die gleiche Mischpoke, dass Muße und Nichtstun zum Leben dazu gehört und dass erst aus der Langeweile heraus die allerbesten Ideen entstehen. Na, was denn nun? Lieber Herr Hoffmann, das werden Sie wohl selbst herausfinden müssen. Aber natürlich könnten Sie auch dem Vorwurf einer sträflichen Vernachlässigung begegnen. Das wäre dann wohl etwas unangenehm (zuck mit den Schultern).

„Denn es ist davon auszugehen, dass der Fab­rikbesitzer und der Bauer, denen die Maschi­nen letztendlich gehören, ihre Erzeugnisse nicht einfach für Gotteslohn bereitstellen wollen. Sie investieren und produzieren nur, wenn die Käufer im Gegenzug einen anderen realen Wert zum Tausch anbieten können.“

Ja, ich höre Sie. Und von welchem realen Wert zum Tausch sprechen Sie denn jetzt? Geld etwa? Aber ist doch wunderbar, Geld gibt’s dann ja über das Grundeinkommen. Und jeder, der ein bisschen mehr Geld verdienen will, kann das gerne jederzeit tun.

Oder … meinte er jetzt etwa die Arbeitskraft? Hm… das wird dann für den Fabrikanten und den Bauern schon ein bisschen kniffliger. Ich kenn jedenfalls keinen, der Lust hat, für Monokultur, Massentierhaltung oder am Fließband zu schaffen. Ach, das müsste man dann besser bezahlen? Je nun. Wäre ja auch nur gerecht.

„Denen die Maschinen letztlich gehören.“ Hm. Letztlich. Und erstlich? Woraus werden denn die Maschinen hergestellt? Aus Metall? Und woraus gewinnt man das Metall? Aus unserer schönen Erde vielleicht? Und wird die Erde dann mit irgendwas dafür entschädigt, dass sie einem so wertvolle Sachen schenkt? Ach, ich Dummerchen. Die Erde gehört natürlich schon irgendjemandem. Den Gutmenschen, die sich ein großes Stück Land gekauft haben, das zuvor von jemandem gekauft wurde, das davor durch jemanden in Besitz genommen wurde, um darin nach Bodenschätzen zu buddeln. Die verjuxen sie dann an andere, die diese Schätze dann veredeln. Stahlwerke und so. Sowas gibt’s ja bei uns auch kaum noch. Gewinnt man mit anderen Maschinen und vielen hurtigen Arbeitern irgendwo außerhalb des Gesichtskreises von Herrn Hoffmann. Irgendwelche Hungerlöhner bauen das alles dann schön zusammen. Und der Bauer und der Fabrikant haben dann eine Maschine. Die ihnen „letztlich gehört.“ Stimmt ja irgendwie auch nicht immer. Meistens gehört alles sowieso der Bank. Aber nee, das Fass mach ich jetzt nicht auf.

Wahrlich, ein Schöngeist ist dieser Verfasser nicht. Zum Schluss bringt er noch ins Spiel:

„Es ist rich­tig, Bedingungen zu stellen. Die Redewen­dung «Wer zahlt, befiehlt» mag zunächst herzlos klingen, verkörpert aber das urliberale Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Das Gegenteil davon, «Zahlen, aber nichts zu sagen haben», ist schlicht nur noch Raub in vollendeter Form.“

Ähm, es klingt nicht nur herzlos, es ist herzlos, guter Mann! Und seit wann ist das ein „urliberales Prinzip“? Da kenn ich ganz andere Liberale oder libertäre Akte, ich bin so dreist und erwähne die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Namen und Größen gäbe es da auch ansonsten viele aufzuzählen. Sie kommen natürlich nicht aus den Reihen der FDP, sondern sind entweder schon tote Philosophen, Menschenfreunde oder in keiner Partei.

Also echt jetzt. Hätte es zu diesem Artikel Leserkommentare gegeben, wäre ich, wie so oft der Meinung gewesen, die Leserschaft sei erstens kompetenter, zweitens besser informiert und drittens tiefer mit dem Thema befasst, als der Autor selbst.