We are Family!

BildquelleWas ist Familie?

Die meisten Menschen verstehen darunter das Konstrukt  „Mutter, Vater, Kind(er)“. Die Familie funktioniert in der Wirtschaftsmatrix als Zelle, die sich den Gegebenheiten des Marktes angepasst hat bzw. anpassen musste. Menschen, die beschließen, eine Familie zu gründen, machen dies häufig von ihrer finanziellen Situation abhängig. Aussagen wie „Kinder muss man sich leisten können“ oder „Ich will erst ein Kind, wenn ich genug Geld verdiene“ tragen dem Umstand Rechnung, dass die Familie innerhalb des Systems eine „Wirtschaftszelle“ darstellt. Abgesehen von den menschlichen Bedürfnissen, die eine Familie erfüllt, ist sie gänzlich einverleibt und muss funktionieren.

Um das Funktionieren von Familie zu erleichtern, gibt es Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Schulen/Bildungseinrichtungen, Vereine und vieles mehr, die aus unseren Kindern anständige Bürger machen sollen.

Die Mikrozelle „Eltern“ ist von den Aufgaben Bildung und Kompetenzvermittlung weitestgehend freigestellt, da sie den größten Teil des Tages mit Arbeiten beschäftigt ist.

Eltern und Kinder trennen sich bereits im frühen Kleinkindalter, um die Wirtschaftsmatrix zu bedienen. Die Fähigkeiten, die in einem so komplexen System wie dem gegenwärtigen benötigt werden, scheinen Eltern allein ihren Kindern nicht vermitteln zu können. Und so sieht man die scheinbare Notwendigkeit ein, dass wir externe Bildungs- und Erziehungsstätten brauchen, um der Komplexität gerecht zu werden. Was soweit seinen nachvollziehbaren Sinn hat. Denn die Kompetenzen und Fähigkeiten, die Mutter und Vater mitbringen, sind für die Erziehung und Bildung ihres Nachwuchses in der Tat nicht ausreichend.

Ändern wir nun die Begebenheiten. Und definieren Familie neu. Beziehungsweise definieren wir, was Familie einmal gewesen ist. Familie, also die Blutsverwandten, bestehen aus zahlreichen Mitgliedern. Dazu gehören Kinder, Eltern, Großeltern genauso wie Onkel, Tanten, Cousins/Cousinen, Angeheiratete und Verwandte erweiterten Grades.

Jeder von ihnen ist ein Individuum mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten. Der eine mag ein guter Handwerker sein, der nächste ein passabler Techniker, wieder einer ist kundig im Bereich der Medizin, der nächste kann gut kochen und so weiter und so fort. All diese sehr unterschiedlichen Bereiche machen eine Familie zu dem, was sie sein kann: Ein Kreis von fähigen Menschen, die sich und ihr Können innerhalb ihres Familien-Clans einzubringen wissen. Schwächere oder weniger fähige Familienmitglieder werden durch die anderen aufgefangen. Vorhandene Defizite wirken sich deshalb weniger schlimm auf den Einzelnen aus.

Das in einen Topf werfen hat klare Vorteile: Alle, die dem Familienclan angehören, profitieren davon. Einerseits finden wir diejenigen, die ihre Kenntnisse an die Nachkommen weitergeben, andererseits ist die Pflege und Erziehung der Kinder nicht allein eine Sache der leiblichen Eltern. Sowohl erwachsene Bezugspersonen als auch ihre Kinder stehen sich gegenseitig zur Verfügung. Menschen beiderlei Geschlechts dienen den ganz Jungen als Vorbilder, Lehrer, Erzieher, Richter und Schlichter. Die größten und nachhaltigsten Lerneffekte passieren innerhalb von praktischen und haptischen Erfahrungen, an denen uns andere Teil haben lassen. Die Teilhabe ist bei Blutsverwandten in der Regel mit einem emotionalen Interesse verbunden. Man möchte das, was man selbst kann, weitergeben.

Wie groß ist das Interesse, Menschen mit ausreichend Bildung zu versorgen, die nicht der eigenen Blutsverwandschaft angehören? Wie viel Blut, Schweiß und Tränen ist man bereit, zu „opfern“, um die Kinder fremder Leute zu unterrichten, ihnen auch emotional zur Verfügung zu stehen? Wie viel Geduld und Spucke kann jemand aufbringen, der sich um Erziehungs- und Bildungsaufgaben kümmert abseits seines eigenen sozialen Umfelds?

Es ist offensichtlich, dass es sehr viel verlangt ist, eine Erzieherin im Kindergarten dazu bewegen zu wollen, auf das eigene Kind besonders Acht zu geben. Denn nur um das geht es: Um das eigene Kind. Der hohe Anspruch, den Eltern an die Pädagogen in den Kitas und Schulen haben, kommt nicht von ungefähr. Selbstverständlich haben sie ein immenses Interesse daran, dass gerade ihr Kind gefördert, beachtet, getröstet und geliebt wird. Eltern reagieren auf Missstände in den öffentlichen Institutionen besonders sensibel und besonders kritisch, weil sie allein für sich das Recht beanspruchen, zu wissen, was gut für ihr Kind ist. Und damit liegen sie vollkommen richtig.

Die Natur hat es schließlich so eingerichtet, dass wir uns primär um die Unsrigen kümmern und sorgen. Nirgendwo sonst fühlen wir diese große Bereitschaft, uns einzubringen und uns Mühe zu geben. Bei niemandem sonst verspüren wir so eklatante Beschützergefühle wie bei der Blutsverwandschaft. Hier verknüpfen sich die tiefsten Emotionen und Bedürfnisse miteinander. Dies zu leugnen, hat schwerwiegende Konsequenzen.

Wie ist der Status Quo?

Großfamilien, im Sinne dessen, dass man eine bequeme räumliche Nähe zueinander hat, sind vermehrt seit dem Beginn des Industriezeitalters im Schwinden begriffen. Die Zersplitterung der Familien führte dazu, dass sich nur noch die kleinste aller als Familie verstandener Zellen an Ort und Stelle bildet: Mutter, Vater, Kind. Die Steigerung sind Alleinerziehende und die Spitze bilden die Singles. Eine andere Einheit bilden kinderlose Paare, die entweder einen gemeinsamen oder getrennten Haushalt führen. Sie alle leben häufig in Distanz zu den restlichen familiären Zellen, die sich ihrerseits separiert haben. Begründet ist dies in der Arbeitsteilung, unserem technischen Fortschritt und in der Hauptsache in der gestiegenen Mobilität, die uns Glauben macht, wir könntenjederzeit auf die Hilfe der Familie zugreifen, wenn wir sie nötig haben.

Die Abspaltung der einzelnen Familienmitglieder vom gesamten Rest ist die Ursache dafür, dass wir uns nun mit Gegebenheiten auseinanderzusetzen haben, die uns allen ein tiefes Unbehagen bereitet.

Das lässt sich gut an der morgendlichen Situation festmachen, wenn man das eigene Kind in den Kindergarten bringt. Kinder – wenn man sie fragt – äußern sehr häufig den Wunsch, nicht in den Kindergarten zu wollen. Unzählige Tage verbringt man als Elternteil damit, die allmorgendliche Trennung erträglich zu machen und beruhigt sich selbst mit dem Gedanken: Dort hat es mein Kind gut, es kann mit anderen Kindern spielen, findet Freunde, soziale Anbindung und lernt wichtige Dinge fürs Leben. Für das Kind ist das sich Anpassen in der Regel auch gar nicht so dramatisch. Auch das wissen wir als Eltern.

Doch, was ist mit uns selbst? Den Neid, den wir empfinden, weil nicht wir, sondern uns Fremde unseren Kindern etwas beibringen. Die Selbstsuggestion, die uns den Neid vergessen machen will, indem wir uns sagen: Ach, ich bin ja so froh, dass mein Kind gut untergebracht ist und ich von dieser anstrengenden Aufgabe, es „ganz allein“ zu erziehen, entbunden werde. Dieses „ganz allein“ denkt auch der, der zumindest noch einen Ehepartner an seiner Seite hat.

Geh mir weg mit Familie!

Nun sagen viele: Ach, was, Großfamilie! Den ganzen Stress würde ich gar nicht aushalten. Ich müsste mich dann ja mit allen irgendwie arrangieren, es passt mir aber nicht, wie die eigenen Eltern mit dem Enkelkind umgehen, der Bruder hat die Einstellung, ein Klaps auf den Po schadet nicht und die Schwester kümmert sich nur um ihren eigenen Kram. Schnell haben wir unsere Urteile und „Überzeugungen“, die mit denen der anderen nicht korrespondieren wollen. Wir geben uns damit dem „Jetzt“ geschlagen und verlassen einen sehr eleganten Lösungsweg, ohne ihn zuende gedacht zu haben.

Denn der Stress, von dem alle sprechen, der findet sich auf der anderen Seite: Nämlich der physische und psychische Druck, den Arbeit verursacht. Insebsondere die zeitliche Eingebundenheit. Würden wir nun die beiden großen Stressfaktoren zusammenschmeißen, ist die Einsicht korrekt, wenn wir denken: Das ist zu viel! Ich kann nicht meinen Job machen, das Leben meines Kindes organisieren, mich mit Erziehern, Lehrern, Vereinen und Freunden auseinandersetzen UND dann auch noch die Familie einbeziehen. Sie entpuppt sich als obsolet und manchmal verfallen wir gar dem Gedanken, die eigenen Eltern und Geschwister seien in der Tat nicht kompetent genug. Wie ist es aber um unser Wissen darüber bestellt?

Gegenwärtig fehlt es uns an gemachten Erfahrungen. Da wir die Ursprungsfamilie immer nur temporär und nicht kontinuierlich in unser Leben einbinden, kann es keine langfristigen Vorteile mit sich bringen, denn wir sind nach wie vor zwischen vielen Welten unterwegs. Denn hätten wir einen Clan, der uns regelmäßig und selbstverständlich zur Verfügung stünde, fielen einige der Aufgaben, die Externe heute für uns übernehmen, weg.

Dazu kann man beispielsweise Dinge wie Schwimmunterricht, Fußballspielen, Essen zubereiten oder die Natur erkunden zählen. In der wenigen Zeit, die Eltern für ihre Kinder verbleibt, tun sie ihr Möglichstes und haben dennoch ein dauerndes Gefühl von Unzulänglichkeit. Weil es tatsächlich zu viel verlangt ist, der elterlichen Zelle all diese Aufgaben abzuverlangen, die ihnen allein schon aus Zeitgründen nicht möglich sind, zu erledigen.

Ganz davon zu schweigen, dass an den Wochenenden das nachgeholt werden will, was man in der Woche verpasst oder nicht erreicht hat. Zeit mit Oma und Opa, an die frische Luft kommen, körperlicher Ausgleich – all das möchte man gerne tun. Häufig ruhen sich Eltern an den Wochenenden aber auch einfach nur aus, damit sie am Montag wieder fit für den Job sind. Wer will es ihnen verdenken? Die größten Schuldgefühle machen sich die Eltern schon selbst. Mancher rechnet aus, wie viele Stunden am Tag er mit seinem Kind verbringt und kommt auf „drei“. Hier schließt sich dann die Aussage an: „Ja, wir wissen, dass wir unser Kind gnadenlos verwöhnen, aber weil wir so wenig Zeit mit ihm verbringen, wollen wir das irgendwie auffangen.“ Das Resultat ist häufig, dass die Kinder in der zur Verfügung stehenden Zeit übermäßig bespaßt und bespielt oder aber mit Spielzeug oder anderen Konsumartikeln überhäuft werden. Manchmal überlegen sich Eltern krampfhaft, welches Wochenendprogramm sie bieten und heraus kommen Museumsbesuche, Spielparadiese, Erlebnisparks und andere Unterhaltungsmöglichkeiten.

Meistens haben die Kinder gar nicht so hohe Ansprüche. Genauso viele Eltern kommen dahinter, dass es reicht, mit den Kindern rauszufahren und sich einfach nur mit einem Ball an der frischen Luft zu vergnügen.

Reanimation von Familie

Gibt es irgendeinen Weg, die Großfamilie zu reanimieren? Nicht auf den ersten Blick. Es gibt zwei Hindernisse.

Erstens – das Bewusstsein

Viele wollen keine Großfamilie, da sich ihnen der Sinn einer solchen nicht erschließt. Es existieren keine realen positiven Erfahrungen. Hinzu kommen persönliche Konflikte (schöne Grüße an Freud), was dazu führt, dass manche Kinder gar den Kontakt zu ihren Eltern vollkommen abbrechen. Und nicht etwa, weil sie aufs Schlimmste misshandelt oder als Kinder deformiert wurden, sondern häufig auch aus Gründen wie „mein Vater will immer Recht haben“ oder  „ich bin total genervt von meinen Eltern“ und weiteren Luxusproblemchen. Die so lange welche sind, bis einen selbst eine außerordentlich schwierige Lebensphase ereilt, in der man auf die dringende Hilfe der Angehörigen angewiesen ist.

Zweitens – der Job

Manche würden sagen: ich würde ja gerne. Habe längst den Sinn erkannt, aber ich kann hier nicht weg. Da, wo meine Eltern leben, gibt es keine Arbeit. Ich muss also da hin, wo die Arbeit ist.

Wir alle wissen, dass dies eine verkehrte Welt ist. Nicht wir müssen dorthin, wo die Arbeit ist, sondern wir brauchen dort einen Job, wo unsere Wurzeln sind.

Wie weltfremd und abgehoben manche Karrieristen ihren Jetset vertreten und ihre angebliche Freiheit, wenn sie von einem Ort zum anderen reisen, offenbart sich erst dem, der plötzlich zu Hause eine Familie zu ernähren hat. Nicht, dass einen diese Bodenständigkeit davor bewahrt, einen gewissen Sozialneid auf all die zu hegen, die ihre Auslands-Jobs preisen. Man verwechselt Freiheit mit dem Job.

Wie kann man diese Hindernisse überwinden?

Fangen wir beim Bewusstsein an.

Allein, wenn wir uns vorstellen, nur für einen Moment, wir befänden uns innerhalb eines gut meinenden Familienclans, gibt uns das ein Gefühl von Erleichterung.

Gut meinend, weil wir naturgemäß an Arterhaltung und Bevorzugung von uns Nahestehenden interessiert sind. Nicht von ungefähr vergeben wir Aufträge an beste Freunde oder Familienmitglieder, obwohl wir sie öffentlich ausschreiben müssen, aber eigentlich lieber den direkten Weg gingen. Das ist menschlich. Wir tun nur so, als sei das verwerflich, weil wir Neid auf die haben, die an ihren engen Beziehungen sehr fest halten oder Feindschaft gegenüber denen hegen, die sich die lukrativsten Geschäfte ermöglichen. Sobald wir selbst in einer Vergabesituation sind, würden wir es nicht anders machen bzw. müssen uns zwingen, den Anstand zu wahren.

Stellen wir uns also vor, diese Art Anstand wäre gar nicht geboten. Selbstverständlich geben wir Arbeit an die ab, die uns verwandt sind! Warum? Weil wir die Menschen, im Gegensatz zu Fremden, kennen und ihnen eher vertrauen. Und weil wir uns darauf verlassen können, dass wenn einer Mist baut, er nicht einfach auf Nimmerwiedersehen verschwinden kann. Die Familie als Korrektiv und Beobachter dessen, was innerhalb getan wird, darf nicht unterschätzt werden. Man kritisiert sich gegenseitig genauso wie man sich auf die Schulter haut und sagt: „Haben wir das nicht prima hingekriegt!“

Wenn es um Mitarbeit, Beratung, Betreuung, Pflege, Fürsorge geht, käme ein Familienangehöriger niemals auf die vermessene Idee, für seine Hilfe Geld zu verlangen. Und tut er es dennoch, folgt die Schelte auf dem Fuß, wenn die anderen anfangen, sich einzumischen. Das ist gut und richtig. Denn alle geht alles – mal mehr mal weniger – an, was die Mitglieder innerhalb dieses Clans unternehmen oder unterlassen.

Genauso wenig würde ein Bruder, der seiner Schwester Geld leiht, Zinsen von ihr verlangen und die Cousins, die beim Umzug die schweren Möbel schleppen, nicht auf Bezahlung drängen. Schon gar nicht ist man gewillt, für einen guten Rat zu bezahlen. Der ist – natürlich! – umsonst. Da sowieso die meisten Hilfeleistungen innerhalb der Familie stattfinden, müssen keine Gegengeschäfte vereinbart werden. Klar ist: Wer Hilfe braucht, dem wird geholfen. Diesem Modell eilt die Einsicht voraus, dass man sich für Hilfe nicht zu schade ist.

Aus der Gemeinschaft sucht man sich denjenigen raus, der für eine Aufgabe am geeignetsten erscheint. Und findet man hier niemanden, so sucht man als nächstes den engen Freundeskreis ab. Das ist normal und ganz natürlich. Erst, wenn keine familiären Kompetenzen zu finden sind, bemüht man sich um Externe. Das spart eine Menge Geld und eine Menge Zeit. Bei der familiären Hilfe geht es nicht primär um Perfektion. Durchaus weiß man, dass ein anderer die Fliesen besser und sauberer verlegen könnte, aber dennoch: Onkel Hartmut macht seine Sache passabel und außerdem lernt er bei jedem Mal was dazu, da soll sich Helga mal nicht so anstellen, die kleine Macke an den Leisten darf man getrost übersehen.

Den Anspruch, dass innerhalb der Großfamilie immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, darf man sich abschminken. Aber genau darum geht es: Um Teilhabe, Kommunikation, Zusammenarbeit, Konflikte und Lösungen, die von vielen beigesteuert werden. Oder warum haben wir etwa heute das Gefühl, niemand würde sich für uns interessieren?

Machen wir bei der Arbeit weiter. Und geben den Menschen ein Grundeinkommen.

Eine schwere Nuss. Nimmt man einmal an, jemand hat das Prinzip von Großfamilie als gut befunden und möchte nun mit der Reanimation beginnen. Er sieht sich dem Problem gegenüber, seinen derzeitigen Lebensmittelpunkt zurück zu seinen Ursprungsort zu verlegen oder dorthin, wo sich der größere Teil von Familie aufhält. Kann er einfach umziehen, ohne eine neue Arbeit zu haben?

Ohne festes Einkommen: Nein. Mit Grundeinkommen: Ja. Was bedeutet, dass er ein Risiko eingeht, wenn die Arbeit ihm ein verhältnismäßig üppiges Gehalt einbringt und er einen gewissen Lebensstandart pflegen will. Will er denselben Standart halten, bleibt er möglicherweise an seinem Ort verhaftet. Stellt er aber für sich fest, dass die Vorteile von Familie trotz eines kleineren Einkommens oder gewisser Einbußen durch die Familie aufgehoben werden, wird er einen Umzug eher in Betracht ziehen. Wer aber allein wirtschaftliche Erwägungen in seine Planung einbezieht, denkt zu kurz. Die gefühlsmäßigen Bindungen zu dem Rest der Familie haben eine Chance, zu wachsen. Durch die räumliche Nähe darf sich kontinuierlich eine langfristige Bindung einstellen, die enorme Vorteile mit sich bringt. In der Entscheidungsfreiheit, weniger zu arbeiten und dafür mehr Zeit für die Familie zu erübrigen, liegt ein so großes Potenzial, das man wohl erst in seiner ganzen Tragweite begreifen kann, wenn es sich als Realität im Leben einbettet.

Das Grundeinkommen als Reanimationsmittel für die Groß-Familie: ein überaus spannender Gedanke.

Advertisements

4 responses to this post.

  1. Posted by NixZen on Juni 22, 2010 at 9:22 pm

    Nach soviel lesenswerten Text hat man sich auch ein bissel Musi verdient:

    Antwort

  2. Liebe Erika24,
    ich gebe zu, ich habe deinen Artikel eher quer gelesen als aufmerksam studiert. Vielleicht hast du den folgenden Gedanken berücksichtigt und ich habe ihn nur nicht gesehen. Dann verzeih bitte.

    Mit dem System Gesellschaft in Form von Kita, Schule und anderer Einrichtungen im Vergleich zum System Großfamilie verhält es sich meiner Meinung nach ungefähr so, wie mit dem System Demokratie gegenüber Monarchie/Erbfolgeregierung (auch Häuptling, Scheich etc.).
    Ein wohlmeinender großmütiger und verantwortungsvoller König mit guten, verantwortungsvollen Beratern in der königlichen Führungsriege kann sicher sehr gut für sein Volk sorgen und wird beliebt sein. Vielleicht regiert er besser als die Politiker einer Demokratie, die vor lauter Wahlen und gewählt-werden-wollen nicht in der Lage sind, wichtige aber unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Leider ist dieser beschriebene Super-König oder Häuptling oder Scheich die ganz große Ausnahme. Viel zu oft regieren korrupte und selbstsüchtige Despoten. Das Schöne an einer Demokratie ist, dass eine Regierung abgewählt werden kann. Wir sind dem Leitwolf nicht ausgeliefert.
    Genauso wie es Despoten gibt, gibt es dysfunktionale Großfamilien, die ihren Mitgliedern oder Teilen davon mehr schaden als nützen. Bestimmte auch unglückliche Muster „vererben“ sich systemisch weiter. Es müssen noch nicht mal wirklich „kaputte“ Familien sein. Wenn ein Mitglied einfach nicht in die Familientradition passt, kann es sehr geächtet werden. Ein Glück, wenn ein Mensch aus einer misslichen Situation fliehen kann und in Kita, Schule und anderen gesellschaftlichen Orten unabhängig von seinen Blutsverwandten Menschen findet, die ihn aufrichten, die da sind, die ihm Zuspruch geben.
    LG mayarosa

    Antwort

  3. Liebe Mayarosa,

    den Aspekt „Hierarchie“ habe ich bei meinem Artikel gar nicht berücksichtigt. Von daher ist es ein neuer Gedanke, den du einbringst.

    Ich ging bei dem Konstrukt „Großfamilie“ nicht davon aus, dass es eine klassische Hierarchie im Sinne eines einzigen Herrschers gibt. Denn die Großfamilie, die aus vielen verschiedenen Mitgliedern besteht, hat ihre jeweiligen „Oberhäupter“ nicht demokratisch gewählt oder bewusst ausgesucht. Ich denke, bei einem Familienclan verhält es sich so, dass derjenige das größte „Gefolge“ hat, der sich für alle als am kompetentesten herausstellt. Die Menschen, die sich um Rat oder Hilfe an ein Familienmitglied wenden, tragen ihr Anliegen an die Person heran, von der sie selbst glauben, dass diese ihnen den besten Rat oder die größte Hilfe sein kann. Das dürfte auch von Person zu Person unterschiedlich ablaufen und ist in vielen Teilen subjektiv, auch je nach Thema. Innerhalb eines Familienverbandes wird relativ schnell klar, wann sich jemand missbräuchlich, eigennützig oder despotisch verhält. Die restlichen Familienmitglieder sind meines Erachtens nach gut in der Lage, dies zu durchschauen und sich entsprechend zu verhalten. Hier wäre eine klassische Hierarchie sogar störend.

    Ich denke nicht, dass die jüngere Geschichte die besten Beispiele liefert, wenn man den Patriarch als das unangefochtene Familienoberhaupt in seiner Rolle betrachtet, dessen Wort und Handlung oberstes Gesetz war und nachdem sich alle zu richten hatten. Die Kompetenzen können nie bei nur einer Person liegen, gerade in der Vielfalt und den Fähikgeiten der Individuen liegt die Stärke eines Verbundes.

    Menschen, die sich als unfähig, zu schwach oder zu aggressiv erweisen, werden auch nicht unbedingt gleich aus dem Verbund ausgestoßen, wenn genügend andere Mitglieder vorhanden sind, die das auffangen. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Wir sind sechs Kinder und es ist deutlich, dass nicht alle auf einem Level sind. Dort, wo man eigene Defizite hat oder aneckt, wird man korrigiert, unterstützt oder auch mal ins Gebet genommen. Das ist nicht immer schmerzfrei. Hilft aber bei Erwachsenwerden. Tragisch ist die Flucht aus der Familie aber fast immer.

    Die Flucht nach vorn mag etwas sein, das sich als sinnvolle Alternative anbietet. Es muss nicht entweder oder sein. Da, wo man keine Ansprechstation innerhalb der Familie findet, sucht man sich diese woanders. Heute brauchen wir diese Schutzräume umso mehr, wenn Familie kaum stattfindet. Zu bedenken ist jedoch, dass die als Ersatz dienenden Schutzräume meist einen ebenso wenn nicht größeren Konfliktraum bieten, der sich dadurch kennzeichnet, dass wir es nun nicht mehr allein mit Familienmitgliedern zu tun haben, sondern mit Menschen, die es zunächst einmal gilt, kennen zu lernen, mit Konzepten, die sich uns nicht von vorneherein erschließen und mit Widrigkeiten, ausgelöst durch verschiedenste Interessengruppen (zum Beispiel beim Thema Schulreform).

    Mein Artikel hierzu ist – wie die meisten meiner Beiträge – ein Versuch, Bestehendes zu hinterfragen und ein Gegengewicht zum derzeitigen System abzubilden.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: